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Flensburger Tageblatt

17. Dezember 2017 | 23:01 Uhr

Festival : 3000 Menschen rocken in Wallsbüll

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mumien, Plateauschuhe und fröstelnde Finnen: Vor allem die skurrilen Schock-Rocker von Lordi machten das Wallsbüll Open Air zu einem außergewöhnlichen Festival-Erlebnis.

shz.de von
erstellt am 30.Mai.2014 | 07:31 Uhr

Wallsbüll | Als „Lordi“ 2006 die europäische Musik-Szene schockte und überraschend den Eurovision Song Contest gewann, scherzten einige, dass die Hard-Rocker mit ihren Masken und monströsen Monturen sogar ins Bett gehen würden. Die Fachwelt rätselte damals: Wie sehen die Musiker von „Lordi“ wirklich aus? Nun: Auch hinter den Kulissen des „Wallsbüll Open Airs“ blieb etwas Geheimnisvolles. Einige der Band-Mitglieder tauchten am Mittwoch zwar in zivil auf dem Gelände auf, andere zogen sich aber bereits im „Hotel des Nordens“ um. Deutlich wurde, dass die Finnen ihre Kostümierung als Schutz ihrer Privatsphäre betrachten. Foto-Apparate und potenzielle Paparazzi beäugten sie misstrauisch, und vor der Hauptbühne musste der „Offene Kanal Flensburg“ seine Kamera abbauen.

„Mr. Lordi“ alias Tomi Putaansuu soll übrigens ein recht kleiner Mann mit langen schwarzen Haaren sein. Während eines Konzerts machen ihn hohe Plateaus zum Giganten. Ein Schuhwerk, das nicht gerade für Spaziergänge auf unebenen Wiesen geeignet ist. Der Kleinbus, der die Top-Stars beförderte, musste deshalb direkt am Bühnenaufgang stoppen. Davon bekamen die Massen, die sich vor der Absperrung schon drängten, nichts mit. Sie schauten fasziniert zu, wie „Mr. Lordi“ auf der Bühne zu einem Flugsaurier mutierte, ließen sich zum kollektiven Stinkefinger animieren. „Fuck you, Asshole“, lautet tatsächlich eine oft wiederholte Song-Zeile.

Jussi Sydänmaa schob sich im Mumien-Gewand über den Steg und inszenierte ein „pharaonisches“ Gitarren-Solo. Trotz aller Schock-Momente: Die Vermutung, dass die Musiker im Alltag eher spießige Familienmenschen sind, bestätigten sie mit ihrem äußerst diszipliniert eingehaltenen Zeitplan. Exakt zu Mitternacht schmetterten alle den größten Hit, ihren Song-Contest-Kracher „Hard Rock Hallelujah“. Und danach wurden schnell die Zelte abgebrochen: „Lordi“ trat schon gestern in Moskau auf.

Tomi Putaansuu nahm eine für ihn wundersame Erkenntnis mit nach Russland, wie er auf der Bühne verriet: „When we are in Germany, usually I say: Es ist scheiße heiß hier!“ Doch auf der Geest herrschte Jacken-Wetter, und die Windböen am Mittwoch hatten große Sorgenfalten bei den Veranstaltern ausgelöst. „Wir hatten Windstärke sieben, um ein Haar hätten wir alles abblasen müssen“, teilte Chef-Organisator Jan Plagemann mit. Die „Party Stage“, die kleinere von zwei Open-Air-Bühnen, blieb zunächst geschlossen. Die Bands mussten im Festivals-Zelt zusammenrücken. Am gestrigen Himmelfahrtstag lief dann alles planmäßig – auf drei Bühnen.

Eindrucksvoll war die musikalische Bandbreite, die die insgesamt 30 Gigs abdeckten. Einige Formationen eigneten sich bestens, um die Gehörgänge freizulegen. Sonya, Frontfrau von „Hot Mama“, etwa beeindruckte mit ihrem schrillen Organ. Und wenn sie mit ihren rot-orangen Strähnen „moschte“, wild herumsprang, war sie das Rock-Rapunzel aus dem sächsischen Freiberg. Dagegen entführte „Outfield Westwood“ das Publikum in den Westen zu einer Irish-Folk-Stunde, besang ein „Raubrittertum in Irland“.

Das klang fast schon nach Mittelalter. Aber das war das Metier von „Saltatio Mortis“ aus Karlsruhe. Die Formation demonstrierte, wie man mit Flöte, Dudelsack, Drehleier oder Ukulele ein Publikum in Ekstase versetzen und in ein Fantasy-Reich mitnehmen kann. Sänger „Alea, der Bescheidene“ kletterte von der Bühne, bildete die Spitze einer mittelalterlichen Polonäse und ließ sich von der Menge auf Händen tragen.

Gestern dann gab es ein Wiedersehen mit alten Bekannten. „Más Shake“ mit Rod Gonzalez, dem dritten Mann der „Ärzte“, und die Thrash-Metal-Spezialisten von „Hämatom“ waren schon beim Revival im letzten Jahr dabei. Ebenso „Kapelle Petra“, die mit humorvollem Rock unterhielt. Sie zelebrierten den „Internationalen Tag des Grillens“ und stimmten auf die Fußball-Weltmeisterschaft ein.

Da waren auch schon einige Fans mit T-Shirts von „Madsen“ zu sehen. Das Quartett sorgte gestern Abend für den Höhepunkt des zweiten Tages. „Madsen war ja mal der Oberhammer“, kommentiert ein begeisterter Fan nach ihrem Auftritt auf Facebook. Vor versammelter Mannschaft spielten die Indie-Rocker aus Niedersachsen ihre größten Hits und sorgten für die wildeste Vatertagsparty in Wallsbüll. Mit Songs wie „Lass die Musik an“, „Du schreibst Geschichte“ und „Nachtbaden“ wurde „Madsen“ zu einer der beliebtesten deutschen Bands und ist heute von keinem der großen Festivals mehr wegzudenken.

Jan Plagemann befand sich derweil im positiven Stress. Vieles war zu regeln, aber mit rund 3000 Besuchern hatte das Open Air eine gute Resonanz gefunden. 800 Camper blieben gar über Nacht. Die nördlich von Schafflund gelegene landwirtschaftliche Fläche, die einst für das VW-Treffen genutzt wurde, hat sich bewährt. „Hier bleiben wir“, sagt Plagemann. „Und nächstes Jahr zu Himmelfahrt kommt das nächste Wallsbüll Open Air.“

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