Geflüchtete in Flensburg : 3000 Flüchtlinge in der Stadt – eine Fülle persönlicher Krisen

Immer mehr Geflüchtete ziehen in eigene Wohnungen: Die Zentralunterkunft Friedensweg ist nicht mehr komplett belegt.
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Immer mehr Geflüchtete ziehen in eigene Wohnungen: Die Zentralunterkunft Friedensweg ist nicht mehr komplett belegt.

Die Stadt Flensburg und Migrationsdienste sind mit einem „breiten Spektrum an Problemlagen“ konfrontiert.

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13. Juni 2018, 06:35 Uhr

Flensburg | Die Zahl der Flüchtlinge, die sich in Flensburg ansiedeln, wird immer größer. Die Menschen kommen nicht aus ihren Herkunftsländern hierher, sondern aus anderen Orten, aus dem Umland. „Flensburg ist als Stadt attraktiv“, sagte Serhan Bilgiç, Leiter des Awo-Integrationscenters Schloßstraße, am Montag im Sozial- und Gesundheitsausschuss. Die Stadt sei wegen der Nähe zu Skandinavien, aber auch wegen zahlreicher Angebote im Bereich Schulen, Wohnraum und Sprachkurse beliebt. Bilgiç sprach von über 3000 Geflüchteten, das Rathaus geht von 2700 aus.

Diese Zahl vergrößert ein Problem, das sich weitgehend außerhalb des öffentlichen Blickfelds abspielt. Wenn Flüchtlinge die zentralen Sammelunterkünfte am Friedensweg und an der Graf-Zeppelin-Straße verlassen und in eine Wohnung ziehen, bricht oft der Kontakt zu den kommunalen Stellen und zu den Migrationsfachdiensten – zum Beispiel der Awo oder des Diakonischen Werks – ab. Wenn sie jedoch in eine Wohnung irgendwo im Stadtgebiet ziehen, nehmen sie ihre Probleme mit – und sind dann damit oft allein, wie Bilgic und Felicia Elsler eindringlich vor dem Ausschuss darlegten.

„Wir sind mit offenen Augen ins Messer gerannt“: So brachte Felicia Elsler (Awo) die Lage auf den Punkt. Es gebe ein „breites Spektrum an Problemlagen“, so Bilgiç. Man habe es mit „extrem überlasteten Personen“, mit alleinreisenden Frauen und anderen verletzlichen Gruppen zu tun. „Die multiplen Krisen werden immer größer. Die Konflikte innerhalb der Familien werden immer größer.“ Es entstünden psychische Probleme, die zum Teil absolut behandlungswürdig seien, ergänzte Elsler. Sie nannte Spielsucht, Drogen, Tablettenabhängigkeit und zum Teil daraus resultierende Kriminalität. „Wer bin ich hier noch in diesem neuen Land?“, sei eine Frage, die sich viele Menschen stellen.

75 Fälle auf eine Stelle in den Migrationsfachdiensten

Und natürlich fehlen in den Behörden und Fachdiensten die Menschen und die Stellen, die den geflüchteten Menschen in diesen Situationen helfen. In den Migrationsfachdiensten kämen 75 Fälle auf eine Stelle, so Bilgiç. Das sei „eine unglaublich schwierige Aufgabe“. Eine aufsuchende Arbeit sei unter diesen Umständen gar nicht möglich.

In der Sitzung am Montag ging es auch um die Frage, wann eine Geflüchteter kein Geflüchteter mehr ist, sondern ein Bürger dieser Stadt. Dann nämlich stünden ihm alle Angebote zur Verfügung, erläuterte Gert Koll, im Sozialfachbereich für Obdachlose und Schuldnerberatung zuständig. So sei das Jobcenter ein wichtiger Ansprechpartner, aber auch das Jugendamt und die Sozialpsychiatrie. Stark nachgefragt sei die Schuldnerberatung: „Die Geflüchteten werden von bestimmten Anbietern über den Tisch gezogen“, wusste Koll zu berichten. Die Frage sei, wie man mit den vorhandenen Angeboten zu den Geflüchteten in ihre Wohnungen komme. „Da sind wir in Gesprächen.“

Felicia Elsler machte kein Hehl daraus, dass die tägliche Befassung mit den Themen und Problemen auch an die eigene Substanz gehe. Das gilt umso mehr für viele Ehrenamtliche, die oft aus Gründen des Selbstschutzes diese Arbeit aufgäben. Deshalb sei es wünschenswert, dass neben einer deutlichen Aufstockung der staatlichen Bemühungen auch das Ehrenamt gestärkt werde. Oft helfe es schon, wenn man den neuen Nachbarn zum Grillen einlade und das Kind mit zum Fußballspielen nehme.

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