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Bahnhof als Auffanglager : 200 Flüchtlinge und Hilfe im Überfluss

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ehrenamtliche Helfer waren bis in die Nacht am Bahnhof auf den Beinen. Eine Welle der Anteilnahme erfasst Flensburg und Umgebung.

shz.de von
erstellt am 11.Sep.2015 | 08:30 Uhr

Flensburg | Ein Bahnhof als Auffanglager – und Daniela Weickert-Thümmel als eine der vielen Helfer mittendrin. Sie kommt als eine der ersten gestern Morgen – in ein kaum kontrollierbares Chaos. Etwa 100 Menschen haben hier genächtigt, notdürftig auf Decken, ihre geringe Habe neben sich liegend. Ein riesiger Berg mit gespendeter Kleidung türmt sich auf. Der zehnjährige Sohn der Flensburgerin findet das Bild schockierend. „Für ihn ist das Leid ja sonst immer so weit weg“, sagt Daniela Weickert-Thümmel.

Dann packt sie an. Gegen Mittag ist die Bahnhofshalle wieder tiptop sauber. Aufgeräumt, Busse mit Hilfsgütern ausgeladen, Lebensmittel sortiert. Eine Kolonne vom Technischen Betriebszentrum rückt dem Dreck der letzten Nacht mit Besen zu Leibe, und immer legen neben gut 20 freiwilligen Helfern auch Flüchtlinge selbst mit Hand an. Von dem Chaos in der Nacht zuvor ist nichts mehr zu sehen. Dass die Situation derart eskalieren würde, hat niemand erwartet.

Rückblick: Am Mittwoch erreicht Isabel Petzold den Bahnhof. Sie weiß, dass die ersten Flüchtlinge soeben eingetroffen sind. Dennoch ist es für die Flensburgerin eine Situation, auf die sie nicht vorbereitet ist. Sie bemerkt die Angst der Asylsuchenden vor der Polizei. „Eine Frau saß auf der Eingangstreppe und weinte bitterlich“, sagt die 31-Jährige. Sie habe ein Ticket nach Kopenhagen in der Hand gehalten, doch ein Weiterkommen gibt es nicht. Isabel zögert nicht und sendet einen Spendenaufruf via Facebook, der binnen kürzester Zeit 500 Mal kommentiert und unzählige Male geteilt wird.

Sie bleibt bis Mitternacht. Bis dahin kommen weitere Menschen auf der Flucht im Stundentakt mit der Bahn. In einem Supermarkt besorgt sie, was am dringendsten gebraucht wird: Hygiene-Artikel für die Frauen, Schokolade, Obst und Saft für deren Kinder. Dabei bleibt es nicht. Ab 21 Uhr greifen die lokalen Netzwerke „Buntes Flensburg“ und „Refugees Welcome“ ineinander. Eine sagenhafte Hilfskapagne läuft an. Im Minutentakt bringen hunderte Menschen aus Flensburg und Umgebung Obst, Brot, Getränke, Matratzen, Decken, Kissen, Iso-Matten, Schuhe, Spielzeug, Kuscheltiere, Süßigkeiten – die Helfer haben Mühe, der Menge Herr zu werden. Dirk Dillmann, der die Hilfe mit koordiniert, beschreibt die zeitweise chaotische Situation so: „Stellt euch einfach mal einen Flohmarkt vor, wo keiner zuständig ist.“

Die Bahn öffnet einen ungenutzten Nebenraum, in dem freiwillige Helfer noch den ganzen Tag gestern mit dem Sortieren beschäftigt sind, unbekannte Wohltäter bescheren den Pizza-Kurieren Vollbeschäftigung, eine Frau spendiert 50 Burger. „Wahnsinn!“ staunt Simone Lange. Wie die meisten hier ist die Flensburger Landtagsabgeordnete völlig übernächtigt. Sie wechselt sich mit Katrine Hoop von „Refugees Welcome“ mit der Koordination ab. Es gibt Unmengen zu erledigen, auch wenn die meisten Ankömmlinge vom Vorabend Flensburg längst wieder verlassen haben. Da sind die ganzen Hilfsgüter, da ist die Ungewissheit, was dem Ansturm von Mittwochnacht am Donnerstag wohl noch folgen mag.

Das Ehrenamt ist bereit. Seit den Anti-Pegida-Demonstrationen im Januar hatte das Bündnis am Netz gestrickt. Es gibt Dolmetscher für alles, einige vor Ort, viele auf Abruf. Es gibt Lösungen für alles. Finn Jensen, ehemals Flensburgs Tourismus-Chef, sagt auf Zuruf 30 Wohnungen zu – für Notfälle, die glücklicherweise nicht gebraucht werden. Heinz-Werner Jezewski findet eine qualifizierte Sozialarbeiterin für das Sorgenkind der Nacht: eine junge Serbin, die von ihren Kindern getrennt worden ist. Mittwoch wurde sie von Dänemark ausgewiesen. Ihre Kinder wähnt sie in der Hand von Organhändlern. Sie weint und weint. „Wir fragen uns“, sagt Simone Lange irgendwann, „wie das hier wohl aussähe, wenn es die ehrenamtliche Bürgerhilfe nicht geben würde?“

Am frühen Nachmittag schaut eine Delegation der Stadt mit Oberbürgermeister Simon Faber an der Spitze vorbei. Faber nimmt Bund und Land in die Pflicht, die Aufnahmestellen müssen schnell gebaut werden, sagt er. Die kritische Situation sei den politischen Unwägbarkeiten geschuldet. Schweden macht dicht, Dänemark macht dicht. Flensburg fängt alles auf. Er lobt die Flensburger. „Die Hilfsbereitschaft ist toll.“ Keine fünf Meter entfernt sortieren Ehrenamtliche immer noch die Hilfsgüter. „Das hätte er uns gerne auch persönlich sagen können“, sagt einer.


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