Tragödie an der Exe : 17-Jährige in Flensburg erstochen: Die quälende Frage nach dem Warum

<p>Die Aufnahme zeigt das erst 2016 neu bezogene Mehrfamilienhaus, in dem das Verbrechen begangen wurde.</p>

Die Aufnahme zeigt das erst 2016 neu bezogene Mehrfamilienhaus, in dem das Verbrechen begangen wurde.

War es eine Beziehungstat und hätte der abgelehnte Asylbewerber länger betreut werden müssen? Die Behörden ermitteln.

shz.de von
14. März 2018, 18:24 Uhr

Flensburg | Fünf Grablichter mit Leuchtdioden und drei Rosensträuße stehen am Mittwoch an dem Hauseingang, der zum Tatort führt, dem Haus in Nähe der Flensburger Exe.Eine junge Frau hat Tränen in den Augen. Ihr Begleiter legt tröstend den Arm um sie. Zweiter Stock: Vor der Wohnung, in der eine 17-Jährige erstochen wurde, brennen echte Grablichter. Ein gerahmtes Foto zeigt das Porträt der Jugendlichen. Ein 18-jähriger Tatverdächtiger sitzt in Untersuchungshaft. Es handelt sich um einen afghanischen Flüchtling, dessen Asylantrag abgelehnt wurde, wenn auch noch nicht rechtskräftig.

Kripobeamte sind in das Genossenschaftshaus mit 25 Parteien gekommen und befragen Hausbewohner, um das Verbrechen vom Montagabend aufzuklären. Manches deutet auf eine Beziehungstat hin, auf eine zerbrochene Liebe unter Teenagern. Ein Problem könnten auch kulturelle Unterschiede gewesen sein. Als das Mädchen den jungen Afghanen kennenlernte, so berichten Anwohner, habe sie begonnen, ein Kopftuch zu tragen. Danach soll es Streit gegeben haben, heftig und häufig. Nun stellt sich die Frage, ob es Schwachstellen gibt bei der Betreuung von Jugendlichen durch die Behörden - grundsätzlich und auch im konkreten Fall. Ob die Fürsorgepflicht erfüllt wurde.

Abgelehnter Asylantrag

„Der Fall wird sicherlich bei manchen Kopfkino auslösen“, sagt Benita von Brackel-Schmidt, die seit der Gründung 2015 für „Refugees Welcome Flensburg“ arbeitet. Sie selbst betreut fünf afghanische Jugendliche, die inzwischen zwischen 17 und 20 Jahre alt sind. Nach ihrem Kenntnisstand war der mutmaßliche Täter als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland gekommen und wurde von den Behörden betreut. Auch die getötete 17-Jährige - sie hatte die deutsche Staatsangehörigkeit - sei ihres Wissens von den Behörden betreut worden.

„Wenn junge Afghanen die Ablehnung ihres Asylantrages erhalten - und sie bekommen fast alle zunächst eine Ablehnung - ist das ein richtiger Stressfaktor“, sagt von Brackel-Schmidt. „Das kann aber überhaupt nicht als Erklärung für das schreckliche Verbrechen herhalten und steht meines Erachtens auch nicht in direktem Zusammenhang - ich kenne viele Afghanen, die mit Vernunft auf einen negativen Asylbescheid reagieren.“ Ein gravierendes Problem sieht die Flüchtlingshelferin darin, dass viele unbegleitete minderjährige Afghanen mit dem 18. Geburtstag schlagartig aus ihren betreuten Wohngruppen entlassen werden. „Dann fallen viele in ein tiefes Loch. Manche kehren zurück in Wohnunterkünfte für Asylbewerber, denn es gibt zu wenige Wohnungen.“

Dabei ist eine Verlängerung der Jugendhilfe bis zum 21. Lebensjahr gesetzlich möglich – für Deutsche und für Ausländer. „Aber es fehlt oft an Personal oder es fehlt an Qualifikationen. Das eigentlich ausreichende Geld könnte effektiver eingesetzt werden für eine gelingende Betreuung“, meint die Aktivistin. Dass die Vorstellungen in Liebesfragen zwischen deutschen Jugendlichen und Afghanen kulturell manchmal unterschiedlich sind, bestätigt von Brackel-Schmidt. „Wenn einer meiner afghanischen Jugendlichen das Scheitern einer Beziehung erlebt, empfindet er dies zuerst als Katastrophe wie jeder Jugendliche. Ich sage dann: "Sei froh, vielleicht lernst du noch jemanden kennen, der dir viel besser gefällt und zu dir passt".“ Und die Jugendlichen müssten auch lernen, dass hierzulande ein Mädchen mit einer Beziehung Schluss machen kann und dass dies völlig normal sei.

Brackel-Schmidt kann nicht begreifen, dass oft erst nach zwei Jahren ein Integrationskurs bewilligt wird - „und dann lernt man, nicht bei Rot über die Ampel zu gehen, das hat bis dahin dann auch schon jeder begriffen.“ Wichtiger wäre es, den Asylbewerbern zu erklären, „wie unsere Gesellschaft funktioniert“.

Laut Staatsanwaltschaft haben sich das Mädchen und der junge Mann „besser gekannt“ – auch wenn der genaue Beziehungsstand für die Behörden noch unklar ist. Flensburgs Oberbürgermeisterin Simone Lange (SPD), selber früher Kriminalbeamtin, zeigt sich bestürzt: „Ich bin grundsätzlich schockiert, weil das ein so tragischer Vorfall ist.“ Ihr sei sehr daran gelegen, der Familie des Mädchens ihr Beileid auszusprechen.„Wir alle sind betroffen.“ Nun müssten die Ermittlungen abgewartet werden. „Darauf sollten wir Rücksicht nehmen und nicht spekulieren.“

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