Mireille aus Flensburg : 17-Jährige erstochen – Rettungskräfte sagen im Mordprozess aus

Großes Medieninteresse beim Prozessbeginn im Fall der ermordeten Mireille B. im Flensburger Landgericht.

Großes Medieninteresse herrschte beim Prozessbeginn in der vergangenen Woche.

Die 17-Jährige wurde am 12. März getötet. Am Donnerstag berichten die Rettungskräfte vom Einsatz bei der Jugendlichen.

shz.de von
13. September 2018, 15:43 Uhr

Flensburg | Im Mordprozess um die erstochene 17-jährige Mireille haben Rettungskräfte und Schutzpolizisten am Donnerstag am Landgericht Flensburg ihre ersten Eindrücke geschildert. „Er war sehr ruhig, in sich gekehrt, wirkte sehr betroffen“, sagte eine Beamtin, die zu dem Tatort gerufen worden war. Als er von dem Tod der Jugendlichen erfahren habe, habe er ganz dicht gemacht, sich zusammengekrümmt und geweint.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten, der 2015 als afghanischer Flüchtling nach Deutschland gekommen ist, vor, Mireille aus niederen Beweggründen mit 14 Messerstichen am 12. März getötet zu haben. Der junge Mann habe Mireille in deren Wohnung aus Eifersucht getötet, weil das Mädchen eine andere Beziehung eingegangen sei. Der Angeklagte hatte am ersten Prozesstag über seinen Anwalt angekündigt, sich nicht zu den Vorwürfen äußern zu wollen.

Die Polizistin und ihr Kollege gingen ihren Schilderungen zufolge zu Beginn ihres Einsatzes davon aus, dass sie wegen eines Suizidversuchs mit einem Messer gerufen worden sind. Auch die Rettungskräfte wurden aus diesem Grund alarmiert. Die Polizistin ist ihren Angaben zufolge mit dem Angeklagten aus der Wohnung hinaus auf den Hausflur gegangen, um die Arbeit der Rettungskräfte nicht zu stören. Auf dem Flur hätten sie sich ruhig unterhalten. Der Inhalt des Gesprächs wurde vor Gericht zunächst ausgeklammert. Die Polizistin erzählte aber, wie ein Hausbewohner dazugekommen sei und über die Streitigkeiten zwischen Angeklagtem und Opfer berichtet habe. Danach habe sie den Angeklagten vorsorglich als Beschuldigten belehrt.

Auch ihrem Kollegen, der den Rettungskräften in der engen Wohnung bei dem Versuch half, Mireille wiederzubeleben, kamen bereits während der Reanimation Zweifel, ob es sich tatsächlich um einen Suizid handelt. Seiner Einschätzung und Erfahrung nach war die Art der Verletzungen dafür sehr ungewöhnlich. Auch habe das Messer, das von den Rettungskräften auf dem Küchentisch gefunden worden sei, relativ weit weg von der 17-Jährigen gelegen.

Erfolglose Wiederbelebung

Die Rettungskräfte berichteten am Donnerstag über ihre erfolglosen Reanimationsbemühungen. Sie fanden die Jugendliche nicht ansprechbar in der Wohnung. Es sei schnell mit der Wiederbelebung begonnen worden, das EKG habe aber durchgehend keine Lebenszeichen angezeigt, sagte die Notärztin. Gewundert hätten sie sich darüber, dass relativ wenig Blut zu sehen gewesen sei, sagten die Zeugen übereinstimmend.

Während der Wiederbelebungsmaßnahmen sei der Bauch immer mehr angeschwollen, sagte die Ärztin. Ein Rettungssanitäter, dem dies auch aufgefallen war, sagte, es habe gewirkt, als ob die 17-Jährige nach innen verblutete.

Der Prozess wird am 24. September fortgesetzt. Dann soll unter anderem ein radiologischer Sachverständiger noch einmal zum Alter des Angeklagten befragt werden. Sein Gutachten war ebenso wie ein bereits am ersten Prozesstag vorgestelltes rechtsmedizinisches Gutachten in Auftrag gegeben worden, nachdem im Laufe der Ermittlungen widersprüchliche Aussagen zum Alter des Angeklagten aufgetaucht waren. Die Rechtsmedizinerin legte sich in ihrem Bericht fest, dass der nicht rechtskräftig abgelehnte Asylbewerber nicht wie zunächst angenommen erst 18 Jahre alt sein kann. Ihrer Ansicht nach ist er mindestens 21 Jahre, wahrscheinlich sogar 29. Das Alter ist wichtig für die Frage, ob Jugendstrafrecht zur Anwendung kommen kann. In diesem Fall wäre eine andere Kammer des Landgerichts zuständig.

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Der Fall hatte nicht nur in Flensburg für Entsetzen und Trauer gesorgt – weil das Opfer so jung war und wegen der Ähnlichkeiten mit der Bluttat von Kandel wenige Monate zuvor. In der pfälzischen Kleinstadt starb Ende Dezember 2017 eine 15-Jährige, nachdem ihr Ex-Freund, ebenfalls ein Flüchtling vermutlich aus Afghanistan, mit einem Messer zustach. Er wurde Anfang September wegen Mordes zu einer Jugendstrafe von achteinhalb Jahren verurteilt. In Kandel nutzten rechte Gruppierungen die Tat immer wieder zur Agitation in dem Ort – gegen den Willen vieler Bürger. In Flensburg gab es keine Protestzüge von Rechtspopulisten. Auch eine öffentliche Trauerfeier wenige Tage nach der Tat verlief ohne Zwischenfälle und Störungen.

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