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Johannes Oerding : 15 Stunden im Leben eines Pop-Stars

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Technik organisieren, aber auch Brötchen schmieren. Tageblatt-Redakteurin Antje Walther hat der Konzertagentur über die Schulter geblickt, wenn Johannes Oerding auftritt.

Flensburg | Die ersten fleißigen Arbeiter haben schon kurz nach acht am Morgen begonnen, Bühne und Saal im Deutschen Haus für das Konzert am Abend herzurichten. Am Vormittag fährt der doppelstöckige Nightliner der Band und Crew auf den Hinterhof samt Star des Abends – Johannes Oerding. Der ist nicht abgehoben, trudelt irgendwo im Mittelfeld der anderen gegen 12 Uhr in den Katakomben des Deutschen Hauses ein, um vom Frühstücksbuffet zu naschen. Der Sänger, Gitarrist und Komponist begrüßt zunächst artig die Mädels von „mittendrin“, der Konzert- und Eventagentur, und auch den Gast, plaudert kurz und unterhält dann „seine Jungs“ mit einer Anekdote.

Das Konzert am Abend ist mit 1750 verkauften Karten ausverkauft. Es ist das drittletzte der aktuellen Herbst-Tour „Alles brennt“. Gleich nach dem Gig müssen sie schnell los, sagt Oerding, weil sie noch zwei Jungs in Hamburg absetzen müssen. Dann haben sie einen Tag frei, bevor in Chemnitz und Magdeburg die Tour endet. Die Zeit ohne Konzert verbringen die Musiker und Techniker in der Pampa – ein Tag „off im Off“, kommentiert Oerding.

Er ist 33, so jung wie Katrin Wedemeyer, Geschäftsführerin der veranstaltenden Konzert- und Eventagentur „mittendrin“ aus Flensburg, und heute Produktionsleiterin des Oerding-Konzerts. Die beiden kennen sich schon aus früheren Begegnungen, zuletzt hat der Hamburger mit seiner Band im Jahr 2013 das Max gerockt.

Sie habe den Künstler angefragt, erklärt Wedemeyer und, dass sie, nachdem sie ihn mindestens zwei Mal erlebt habe, wusste, „dass da noch mehr passiert“. Dann werden potenzielle Zeiträume abgeglichen. Der Zuschlag für Flensburg gleiche immer einer Kunst, denn es liege zumeist eben nicht auf dem Weg. Gute Kontakte wie Wedemeyer sie hat, helfen. Die hat sie sich schon in ihrer Zeit vor der Gründung von „mittendrin“ 2009 zusammen mit dem Max als Gesellschafter aufgebaut. Zuvor hat sich die Flensburgerin mit einem der ersten Jahrgänge zur Veranstaltungskauffrau ausbilden lassen. Sie verrate kein Berufsgeheimnis, wenn sie preisgibt, dass „viel Recherche und Networking“ zum Job gehören, sagt sie lachend. Das weiß auch Madita Hansen längst, die sich gerade auf der Zielgeraden ihrer Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau befindet und einzige Angestellte der Agentur ist. Die 22-jährige Schleswigerin hat im FSJ Kultur erste Zweifel bekommen und nach der Begegnung mit Katrin Wedemeyer ihren Studienwunsch der Medizin in Kopenhagen gänzlich gegen die Pop- und Rock-Branche getauscht. Sie habe es keinen Moment bereut, sagt sie glücklich und überzeugend.

Inzwischen haben Bühnentechniker und -helfer zahllose Kisten auf Rollen, Boxen und Instrumente entladen, ins Haus gebracht und aufgebaut, so dass am frühen Nachmittag der Soundcheck starten kann. Johannes Oerding singt so schön hoch und heiser, der Sound von Schlagzeug, Bass und Gitarren klingt sauber und fett dazu. Wie „geil“ das klingt, rufen sie dem Mann am Sound unisono zu, die Monitoreinstellungen für den Klang auf der Bühne werden noch modifiziert, während die Band in mystischem Blau strahlt.

Am Licht sitzt ein Flensburger, der auch ein „alter Bekannter“ Katrin Wedemeyers und in der ganzen Welt zu Hause ist. Auch deshalb fühlt sich die Atmosphäre für die 33-Jährige so vertraut an, auch deshalb ist sie an Tagen wie diesen lieber vor Ort als im Büro an der Schiffbrücke. Axel Lambrecht ist 29, Fachkraft für Veranstaltungstechnik und im Besonderen Lichtgestalter. Diese speziellen Fertigkeiten habe er sich erst erarbeiten müssen, sagt der Teilhaber einer Frankfurter Agentur, der Veranstaltungen wie den Eurovision Song Contest ins beste Licht setzt oder auch mal in Saudi-Arabien bei 60 Grad Celsius im Schatten zu tun hat. Seit 15 Jahren mache er das schon. „Es fühlt sich ganz selten wie Arbeit an“, schwärmt er. Das Konzert in seiner Heimatstadt ermöglicht ihm, nach fast einem Jahr seine Eltern wiederzusehen.

Katrin Wedemeyer teilt dieses Empfinden. Sie habe das Glück, dass ihr der Beruf Spaß macht, sagt sie und handelt, wenngleich als kommerzieller Veranstalter, auch im „ideellen Kulturauftrag“. 60 Veranstaltungen im Jahr richten sie aus. Mittendrin solle wachsen, um „die Stadt kulturell zu bereichern“ und dem Trend des Mitlaufens vieler junger Leute entgegenzutreten. „Das Internet diktiert die Trends.“ Erklärtes Ziel sei, den Fokus wieder mehr auf Flensburg statt Kiel zu richten, auch wenn die Agentur im ganzen Lande, in Rostock und Schwerin aktiv ist.

Wieder mal wird per Funkgerät nach „Lars“ verlangt. Der Haustechniker hat nebenbei LED-Leuchten an der Fassade installiert – in den Farben Frankreichs. Es ist der Abend nach Paris; Wedemeyer kennt Eagles of Death Metal, die im Bataclan aufgetreten waren, und fühlt mit.

Zehn „Bühnen-Handtücher“ und zwölf „Bühnen-Wasser“ werden erbeten von der Band; Madita Hansen öffnet Schränke und schafft alles herbei. Um halb sieben setzt sie sich an die Abendkasse, gibt Bändchen heraus an Gäste, nutzt die neue Ticket-App, um Karten einzulesen, und erklärt einem jungen Mann, der noch nie von Johannes Oerding gehört hat und sich wundert, was hier los ist, ohne mit der Wimper zu zucken und freundlich, wer das ist. Um acht beginnt Matteo Capreoli sein Vorprogramm im Angesicht voller Ränge und Menschenmassen im Saal.

Kurze Umbaupause, langes Instrumental-Intro, Johannes Oerding tritt in Erscheinung, und das Publikum tobt. Eine Aufwärmphase ist nicht nötig: „Alles brennt“ gleich von Anfang an; Songs wie „Wenn Du lebst“ und „Nie wieder Alkohol“ – erst recht mit „Schlüsselerlebnis“-Anekdote und „Rehab“-Zitat von Amy Winehouse – funktionieren. „Heimat“ widmet er den Menschen, die in diesen Zeiten ihre verlassen und eine neue suchen müssen. Der Publikumschor klingt weiblich, die Schleife des Frauenschwarms durch seine Gefolgschaft ist ein Selbstgänger, und selbst Rap („U Can’t touch this“) und Moonwalk stehen Oerding. Nach Zugaben und Abbauen verlässt der Nightliner der Band gegen eins in der Nacht das Gelände; dann haben auch Madita Hansen und Katrin Wedemeyer Feierabend. Für sie geht es weiter mit Alexa Feser in Kiel (20.) und The Subways in Flensburg (26. November).

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erstellt am 17.Nov.2015 | 11:00 Uhr

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