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Flensburger Tageblatt

20. November 2017 | 12:58 Uhr

125 Jahre für den Herrn mit Stil

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Einzelhandelsgeschäft Hansen & Eckeberg feiert am 30. April Jubiläum – Ulla Schenke kam 1959 in den Laden an der Großen Straße

Für inhabergeführte Herrenausstatter scheint Flensburg kein leichtes Pflaster zu sein. Gerade im Unfeld der Großen Straße haben in den vergangenen Jahren traditionsreiche Textilanbieter wie Clausen oder Heiner Hinz geschlossen. Um so bemerkenswerte, wenn ein kleiner Herrenausstatter an der Großen Straße 4 in dieser Woche sein 125-jähriges Bestehen begehen kann – Hansen & Eckeberg.

Der Mann mit Stil trägt Stofftaschentuch. „Sie können doch kein ... aus der Tasche ziehen, wenn Sie einen hochwertigen Anzug tragen“, sagt Ulla Schenke fast ein wenig entrüstet und macht, anstelle das Wort Taschentuch auszusprechen, die typische Handbewegung. Ulla Schenke ist vom Fach. 1959 begann sie ihre Lehre zum „Einzelhandelskaufmann“ und wird drei Jahre später von ihrem Chef Albert Hansen weiterbeschäftigt. Der hatte den Betrieb an der Großen Straße Nr. 4 bereits von seinem Vater, dem Gründer des Geschäfts, übernommen.

„Seitdem bin ich hier“, sagt die 71-jährige Flensburgerin, die auf 38 Quadratmetern hochwertige Bekleidung für den Herrn verkauft. Während ihrer Lehrzeit war das Geschäft doppelt so groß und hatte ein wesentlich breiteres Sortiment. Doch schon in den 60er-Jahren beschränkte sich ihr damaliger Chef auf die Hälfte der Fläche. Seitdem finden die Kunden dort edle Oberhemden, fein gearbeitete Pullover, Popeline-Schlafanzüge, glänzende Manschettenknöpfe und eben feinst gewirkte Stofftaschentücher. Auch heute noch.

Doch verstaubt ist in Ulla Schenkes traditionellem Fachgeschäft überhaupt nichts. Schon gar nicht ihre Kundschaft. Deren Altersspanne beginnt bei 35 Jahren, schätzt die rührige Inhaberin, die auch an diesem Tag wieder Ware bekommen hat. „Gottseidank“, sagt sie, „ich hatte nichts mehr.“ Ein gut gekleiderter Mittdreißiger kommt zur Tür herein und beginnt, das Sortiment durchzusehen. Schenke sagt freundlich aber bestimmt: „In ihrer Größe habe ich nichts. Wir fangen erst mit Größe 48 an.“ Die Inhaberin empfiehlt zwei Geschäfte in der Nähe. „Bei mir gibt es eine ehrliche Beratung“, erklärt sie später und beweist, das Wettbewerber fair miteinander umgehen können.

Ihr Erfolgsrezept, sich mit einem kleinen Fachangebot gegenüber großen Ketten und Onlinehandel zu behaupten, klingt schlicht: „Ich liebe meinen Beruf.“ Der Umgang mit Menschen sei besonders schön, fügt sie hinzu und vergisst nicht, ihren Ehemann zu erwähnen. „Mein Mann Eberhard macht die Büroarbeit und begleitet mich zum Einkaufen nach Hamburg.“ So habe sie den Rücken frei und könne sich auf die Arbeit im Laden konzentrieren.

Geht Schenke zur Arbeit, ist meistens der schwarze Minischnauzer Lucie an ihrer Seite. Die vierjährige Hündin ist das vierte Tier der Inhaberin, das Stammkunde wie Urlauber kommen und gehen sieht. Sie gingen mindestens eineinhalb Stunden täglich spazieren. Im Laden übernehmen dann zwei Aushilfskräfte die Beratung.

Ans Aufhören denkt die gebürtige Hamburgerin Schenke bisher nicht. Auch eine mögliche Nachfolge ist noch keine Thema. Das Regeln der Nachfolge sei in vielen Betrieben ohnehin schwierig. Es gebe durchaus junge, fähige Menschen, die Betriebe übernehmen wollten. Die brächten aber selten das mit, was die Banken verlangten, weiß die Flensburgerin aus vielen Gesprächen mit anderen Händlern und Unternehmern. „Wer hat mit 25 Jahren denn schon ein Haus als Sicherheit?“

Von einem Sterben der Herrenausstatter will Schenke nicht reden. Wenn überhaupt, dann von dem Verschwinden kleiner Einzelhändler im Allgemeinen. Schenke selbst denkt nicht ans Aufhören. So lange ich und mein Mann gesund sind, mache ich weiter. Sagt’s und lässt die feinen Taschentücher wieder hinter einer der Schiebetüren der handgefertigten Holzeinrichtung verschwinden.

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