Christine Sauer : 101 Jahre gelebte Flensburger Geschichte

Christine Sauer  ist 101 Jahre alt. Foto: rf
Christine Sauer ist 101 Jahre alt. Foto: rf

Die Stadt Flensburg wird 725 Jahre alt - und Christine Sauer, geborene Hass, hat mehr als ein ganzes Jahrhundert davon miterlebt.

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01. Januar 2009, 02:03 Uhr

Flensburg | Es ist das Jahr, in dem Persil auf den Markt kommt und Astrid Lindgren oder John Wayne geboren werden. 1907 beginnt auch das Leben einer der ältesten gebürtigen Flensburgerinnen, die dieses Jahr das Stadtjübiläum erleben - Christine Hass.

Am 26. Januar kommt sie an der Kanzleistraße zur Welt, abends "um halb acht", eine Hausgeburt. Vater Karl arbeitet als Heizer in einer Ziegelei in der Harrisleer Straße, Mutter Christine ist Hausfrau. Die Zeiten sind hart, das Einkommen knapp. Die Familie zieht mehrmals um, wohnt an der Waitz- und Harrisleer Straße. 1914 zieht sie an die Apenrader Straße. "Ich habe noch genau in Erinnerung, wie die Soldaten aus den Kasernen in der Duburger Straße und im Junkerhohlweg durch unsere Straße gezogen sind, alle mit Blumen am Helm", sagt sie. Eingeschult wird sie in der Waldschule, den Abschluss macht sie auf der Duburger Schule. "Im 1. Weltkrieg haben wir ordentlich gehungert und mussten viel Rüben essen", erzählt die 101-Jährige. Als sie etwa zehn Jahre alt ist und "halb verhungert", wurde sie von der Schule aufs Land verschickt: Auf der dänischen Insel Samsø bekommt sie genug zu essen und lernt schnell und gut Dänisch. "Diese Sprache habe ich aber inzwischen wieder völlig vergessen", erzählt sie.
Nie ein Auto, keinen Führerschein
Nach der Schule lernt Christine Hass Verkäuferin in der Lederhandlung Köper in der Neustadt und arbeitet dort bis zu ihrer eigenen Familiengründung. "Am 3. November 1928 habe ich meinen Bruno geheiratet" - ihr Gesicht strahlt, als sie dies erinnert. Ihr Mann arbeitet als Zimmermann. Sie nimmt seinen Nachnamen an, heißt fortan Sauer. In ihrer insgesamt 53-jährigen Ehe hatten die Eheleute nie ein Auto, auch keinen Führerschein. "Wir wollten lieber Kinder haben." Fünf wurden es insgesamt, vier Söhne und eine Tochter. Der Älteste, Dieter, ist mit 72 Jahren bereits verstorben. Das Alter der anderen weiß Christine Sauer auswendig: Ingrid ist 62, der in Schweden lebende Horst 70, Bruno 68 und der Jüngste ist Manfred mit 61 Jahren. "Bei seiner Geburt war ich 40", sagt sie lakonisch. Er ist Zöllner in Dänemark.

Die Seniorin freut sich heute über 13 Enkel und genau so viele Urenkel. "Im vergangenen Jahr und in diesem Sommer habe ich sogar zwei Ur-Ur-Enkel bekommen, einen Jungen und ein Mädchen", sagt sie stolz.

1978 hat sie mit ihrem Bruno Goldene Hochzeit gefeiert, "kurz vor der Schneekatastrophe". Drei Jahre später ist ihr Mann gestorben. Christine Sauer hat als Witwe noch weitere 26 Jahre selbstständig an der Solitüder Straße gewohnt, zuletzt mit Putz- und Einkaufshilfe. Erst 2004 ist sie in das dänische Alten- und Pflegeheim in der Nerongsallee gezogen - da war sie schon 97 Jahre alt. Gesundheitlich ist sie einigermaßen gut drauf: Hören und Sehen fällt zwar immer schwerer: "Aber man lernt, bescheiden zu sein."

Was hat Christine Sauer, die Jahrhundert-Flensburgerin, alles erlebt? "Das Meiste habe ich vergessen. Aber wenn Sie weg sind, fällt mir alles Mögliche wieder ein", sagt sie. Dennoch erinnert sie sich, dass sie häufig im Gewerkschaftshaus an der Schloßstraße gewesen ist. Dort hat sie mit einer Freundin bei der Arbeiterjugend Volkstänze getanzt, im Gesangsverein "Edelweiß" geübt und schöne Feste gefeiert. 1920 hat ihr Vater "treudeutsch" gestimmt, von der Mutter weiß sie es nicht genau. Konfirmiert und getraut wurde sie in der Petri-Kirche.
725 Jahre? "Das ist ja ein tolles Alter"
1934 zieht sie mit Familie aufs Twedter Feld: "Mit 26 Mark war die Miete in der Stadt sehr teuer. Dort draußen haben wir nur 9 Mark bezahlt", erinnert sie sich. Später wurde ein 1750 Quadratmeter großes Grundstück erworben, "für 20 Pfennig den Meter. Von dort hatten wir direkten Blick auf die Ochseninseln."

Den Nationalsozialismus hat Christine Sauer weitgehend aus ihrem Gedächtnis ausgeklammert. Verantwortlich dafür ist auch eine Beobachtung vom Aufmarsch auf der Norderstraße: "Dort marschierten 1933 SA und SS, und alle Leute am Straßenrand mussten die Hand zum Führergruß heben. Ein neben mir stehender Däne hob nicht die Hand, sondern zog stattdessen seinen Hut - und wurde sofort verprügelt", empört sie sich heute noch.

Ein Jahrhundert lang hat Christine Sauer immer in ihrer Heimatstadt gelebt, erst als Witwe Reisen unternommen. Gerne löst sie auch Kreuzworträtsel, die einer der Söhne ihr als vergrößerte Kopie anfertigt. "Das hält das Gehirn wach." Flensburg bleibt für sie immer eine schöne Stadt. Dass ihre Heimatstadt jetzt 725. Geburtstag feiert, hat sie nicht gewusst. "Das ist ja ein tolles Alter", sagt sie. Am 26. Januar wird die Flensburgerin Christine Sauer, geborene Hass, 102 Jahre alt.

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