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Flensburger Tageblatt

19. Oktober 2017 | 11:24 Uhr

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

shz.de von
erstellt am 20.Aug.2013 | 18:31 Uhr

An einem der schwebenden, blau, gelb oder grün illuminierten Schiffsrümpfe tänzelt das Licht wie Wellen in der Sonne tanzen und erweckt den Eindruck von Wassernähe. Tatsächlich befindet sich dieser „besondere und außergewöhnliche Konzertsaal“, wie ihn Dirigent Peter Sommerer charakterisiert, unweit vom Meer und ist eine Werft. Die Yachtwerft „Robbe & Berking Classics“ als Gastgeber erinnert schon im Namen an die Klassiker, Klassik, Klasse.

Beim „Classic Lounge Concert“ in der Sonnabendnacht erfüllen Wohlklänge von Streichern, Bläsern und Percussionisten die Halle – und kreischende Möwen zu späterer Stunde. Die Meeresvögel hatten sich nicht etwa in die Werfthalle verirrt; vielmehr mischte DJ Normandie ihre Laute den Klangflächen des Schleswig-Holsteinischen Sinfonieorchesters unter. Die imaginäre Urlaubsreise zunächst nur mit dem Orchester und dem Generalmusikdirektor (GMD) Sommerer als Reiseleiter eröffnet die Ouvertüre des Sommernachtstraums im flotten Allegro di molto – aus der Feder eines mit 17 vor Jugend sprühenden Felix Mendelssohn Bartholdy. Zu Griegs „Morgenstimmung“ ist es dann wiederum ein leichtes, sich zurückzulehnen, den Tag in aller Ruhe herbei zu erwarten und in Gedanken zu schwelgen. Moderator Peter Sommerer verknüpft den kleinen Kanon der Musikgeschichte gewitzt miteinander und führt das Publikum, seine imaginäre Reisegruppe, zur Strandpromenade. Dort fühle man „sich literarisch gebildet, wenn man einen Hugo bestellt“, spottet er, assoziiert reges Treiben in den Cafés und leitet galant über zu Mozarts „Hochzeit des Figaro“. Mit Dramatik und beinahe verstörend wuchtig erfasst Wagners „Fliegender Holländer“ die Werft. Das Kontrastprogramm mit dem Walzer „Gold und Silber“ von Franz Lehár dirigiert der Österreicher Sommerer dazu nach der Pause.

Rund 700 Gäste haben sie zum Plaudern und Cocktails schlürfen genutzt und fiebern der Symbiose von Orchester und DJ entgegen. DJ Normandie alias Norman Radek aus Kiel steigt bei einer Komposition von Eric Satie mit sphärischen Klängen ein, die an Wasser und Meeresrauschen erinnern. Natürlich maritim eingebettet wird auch Händels „Wassermusik“, „größter Rockmusiker des Barock“, wie Peter Sommerer sagt. Der Dirigent entlockt in lässiger, ja swingender Haltung seinen Streichern satte Flächen. Sie bilden mit Klavierklängen aus dem Computer und mal fetten, mal dünnen Beats eine ungewöhnliche, aber erlebenswerte Melange.

Die Piano-Fetzen stammen aus der Feder Radeks oder besser aus dem Bauch heraus. Denn der 35-Jährige räumt ein, kein Instrument zu spielen. „Mit dem Takt fängt’s an“, erklärt er den Gang seiner Kompositionen, und dass er sich dann ans Klavier setze und „Melodien klimpere“. Zum Auflegen sei er durch Freunde gekommen, sagt DJ Normandie, und zur Klassik über die Filmmusik. Er habe stets den „chilligen Sound“ dem House oder Techno aus seiner Anfangszeit vorgezogen und deshalb auch Lounge-Music produziert. Die Monotonie ist gewollt und darf in Trance versetzen. „Ein Traum, meine Musik mit dem Orchester verbinden“, ist für ihn, der das Auflegen als mehr als ein Hobby empfindet, wahr geworden.

Während locker-leichte Lounge-Musik namens „Landscape wonder“, „Long way“ oder „Cold rain“ die wohlmeinende Gesellschaft berieselt, arbeitet ein weiterer Künstler am Rande. Ralf Greulich ist als Maler auch ein Streicher und passt sich in seinen Bewegungen den Schwingungen des Klangkörpers an. So soll es sein, denn er ist mit der Ersten Violinistin Anja Sommerer Partner des Projekts „klassisch bunt – Streichereinheiten für die Sinne“. Ursprünglich Diplom-Pädagoge, doch schon immer Künstler, male er teilweise gegenständlich, teilweise abstrakt. „Ich lasse die Musik auf mich wirken“, erklärt Greulich, der 1964 im rheinland-pfälzischen Saarburg geboren wurde und 2009 entschied, am Meer zu bleiben. Er habe sich mit den Lichtverhältnissen in der zunehmend schummerigen Konzertwerfthalle verschätzt, sagt Greulich, als er beide Werke betrachtet, und sei „selbst überrascht“. So wie die meisten vom Klassik-Experiment sein dürften.


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