Ein Artikel der Redaktion

Busdorf Schilfgürtel weicht Wikingerfunden

Von Sven Windmann | 20.01.2010, 09:27 Uhr

"Unsere archäologischen Fundstellen sind ganz konkret bedroht, wir müssen jetzt schnell handeln." Dr. Martin Segschneider vom Archäologischen Landesamt in Schleswig zeigt sich besorgt.

Er fürchtet um die große Menge an Spuren aus der Wikingerzeit, die dort bislang zwar noch nicht entdeckt wurden, aber nach Expertenmeinung rund um Haithabu weiterhin vermutet werden. Um sie eines Tages aber möglichst unbeschadet bergen zu können, muss laut Segschneider schnell der Schilfgürtel zwischen der Wikingersiedlung und dem Haddebyer Noor verschwinden. "Die Schilfwurzeln sind einfach zu kräftig, sie perforieren die Holz- und Lederstücke, die im Boden darunter liegen und eigentlich durch das Wasser außergewöhnlich gut erhalten sind", sagt Segschneider.

In den letzten Monaten hat das Archäologische Landesamt deshalb mit der zuständigen Unteren Naturschutzbehörde des Kreises verhandelt. Ergebnis: Etwas mehr als ein Hektar des Landschilfgürtels rund um Fußweg und Steg, die vom Museumsdorf aus zum Haddebyer Noor führen, wird entfernt. Das Schilf im Wasser hingegen bleibt - zumindest vorerst - stehen. "Die Archäologen hatten zwar auch andere Wünsche, aber es war uns wichtig, dass die Pflanzen im Uferbereich stehen bleiben. Hier befindet sich die Kinderstube von zahlreichen Fischen und Wasservögeln", sagt Ulrich Thormann von der Unteren Naturschutzbehörde.

Mit der nun gefundenen Kompromisslösung können beide Seiten leben. Ebenso einig ist man sich darin, dass die Arbeiten für das Entfernen der Schilffläche möglichst schnell beginnen müssen. Bis spätestens Ende Februar sollte es losgehen, denn im Frühling beginnt die Brutzeit vieler Vögel. "Dann wäre es zu spät und man müsste bis zum nächsten Winter warten", sagt Ulrich Thormann.

Dr. Martin Segschneider weiß darum, dass insbesondere Umweltverbände und Naturschützer die Pläne für das Entfernen des Schilfgürtels kritisch betrachten. Dennoch sieht der Archäologe keine Alternative dazu. "Wir haben hier in Haithabu eine einzigartige Wikinger-Fundstelle, um die uns auch die Skandinavier beneiden. Durch das Schilf ist diese Substanz aber stark gefährdet", sagt Segschneider. Es gehe also um direkten Denkmalschutz. Auch mit Blick auf die Pläne, Haithabu in ein künftiges Unesco-Weltkulturerbe einzubinden, sei dies ein wichtiges Argument. "Die Unseco fordert in solchen Fällen, dass man ständig unter Beweis stellt, dass die Stätten umfangreich geschützt werden", fügt der Archäologe an. Deswegen hoffe er auch auf Verständnis aus den Reihen der Naturschützer.

Fritz Lass von der Interessengemeinschaft Umweltschutz Schleswig und Umgebung (IGU) bricht zwar nicht in Jubelstürme darüber aus, dass ein beträchtlicher Teil des Schilfgürtels am Haddebyer Noor entfernt wird. "Da aber zumindest die Pflanzen im Wasser stehen bleiben, kann man damit leben", sagt Lass. Schließlich handele es sich dabei um den ökologisch weitaus wertvolleren Teil. "Wenn es um Denkmalschutz geht, sitzen die Interessen der Natur meistens am kürzeren Hebel. Aber das kann ich in diesem Fall sogar ein Stück weit verstehen", fügt Lass an.

Was den Umweltschützer zudem ein wenig trösten wird: Das Archäologische Landesamt muss für die Fläche, die letztendlich entfernt wird, einen Ausgleich leisten. "Der Faktor beträgt dabei 1 zu 1,5", erklärt Ulrich Thormann. Konkret bedeutet das, dass anstatt des einen Hektars an anderer Stelle eineinhalb Hektar Schilf wieder angepflanzt werden müssen. In diesem Fall wird das auf einer Fläche am Selker Noor, die dem Landesmuseum gehört, geschehen. Zudem macht Segschneider darauf aufmerksam, dass anstatt des Landschilfes in Zukunft eine Salzwiese entsteht, "die ökologisch auch sehr wertvoll ist". Besonders für bedrohte Wiesenvögel wie Kibitze und Rotschenkel sei dies ein hervorragender Rückzugsort. "Mit dem Anlegen der Salzwiesen ersetzten wir also ein Biotop durch das andere", sagt der Archäologe. Bis vor 20 Jahren habe es an der selben Stelle ohnehin nur Weiden gegeben. Das Schilf sei erst gewachsen, als die Bauern die Nutzung der Fläche aufgegeben hätten.

Ob allerdings in Zukunft auch das Schilf im Wasserbereich vor Haithabu um seine Existenz bangen muss, steht derweil noch nicht fest. Ausgeschlossen scheint es zumindest nicht. Ulrich Thormann von der Unteren Naturschutzbehörde: "Darüber wird zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal verhandelt."