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Ein Syrer in Flensburg Integration mit Wermutstropfen

Von Antje Walther | 24.08.2017, 06:26 Uhr

Khaled Ataallah (43) hat sich in Flensburg gut eingelebt – doch seine Familie aus Damaskus fehlt

Wiedervorlage – so heißt in der öffentlichen Verwaltung, in der Politik oder bei der Justiz die Strategie, eine Akte vor dem Vergessen zu bewahren. Die Tageblatt-Redaktion holt sich öffentliche Vorgänge „auf Wiedervorlage“, das heißt, sie fragt nach, was aus diesem oder jenem Thema geworden ist. Heute: Was macht der erste Syrer im Bundesfreiwilligendienst und wie steht es um den Familiennachzug?

Er macht Musik, malt und stellt aus, trainiert junge Sportler, und wenn er die Prüfung demnächst besteht, dann auch mit Trainer-Lizenz. Und seit kurzem bringt Khaled Ataallah im markanten Gelb seines Arbeitgebers, der Deutschen Post, Pakete und Briefe zu den Adressaten im Umland. Den Job habe er im Netz gefunden, sagt er, eine Bekannte habe ihm bei der Bewerbung geholfen. Eine Woche später sei die Einladung gekommen, ein Praktikum von zwei Wochen folgte. Das sei schwierig gewesen, erinnert sich Ataallah: „Es ist nicht meine Sprache, nicht meine Arbeit“, sagt der ehemalige Sportlehrer, aber die Kollegen hätten ihm geholfen. Jetzt habe er einen unbefristeten Vertrag.

Viel hat sich getan, seit Ataallah vor zwei Jahren nach Deutschland flüchtete und seit ihn diese Zeitung am 5. Mai 2016 als syrischen Bufdi (Bundesfreiwilligendienst) vorstellte. Viel, aber nicht genug, findet der freundliche Mann. Denn obwohl er sich redlich bemüht, alles richtig zu machen, lässt der Familiennachzug auf sich warten. Noch immer leben seine Frau Khulod und seine Kinder Adam (6), Marie (11) und Kais (12) in der Nähe von Damaskus. Dort sei niemand auf der Straße sicher, sorgt sich Khaled, am Abend gehe man nicht mehr vor die Tür. „Jeden Tag telefoniere ich mit meiner Frau und weine“, sagt der 43-jährige Druse. 3 Prozent der syrischen Bevölkerung gehört der Minderheit der Drusen an. Einem Sachstandsbericht des Bundestages zufolge verlaufe „die Kluft in der Loyalität zum Assad-Regime mitten durch die drusische Gemeinschaft.“ Entsprechend unwägbar ist die Sicherheitslage für Drusen.

Khaled Ataallah zählt zu derzeit 876 sysrischen Flüchtlingen in Flensburg (Pressestelle der Stadt, Stand 1. Juli). Ataallah genießt „subsidiären Schutz“ nach Asylgesetz. Die Erteilung der Aufenthaltserlaubnis erst nach dem 17. März 2016 hat Konsequenzen für den Nachzug der minderjährigen Kinder und Ehepartnerin. Denn der privilegierte Familiennachzug, wonach kein Lebensunterhalt nachgewiesen werden muss, ist ausgesetzt für zwei Jahre. „Ich kann Familiennachzug machen“, sagt Khaled, „aber es dauert eine lange Zeit.“ Erst nach dem 16. März 2018 ist das subsidiär Schutzberechtigten wieder erlaubt.

Der umtriebige Syrer will schon lange nicht mehr warten und versucht, das Verfahren zu beschleunigen. So hat er sich auf eigene Faust zum Gericht begeben und persönlich beim Richter vorgesprochen. Doch selbst dem seien die Hände gebunden, sagt Ataallahs Anwalt. Er beschreibt im Detail, wie sich seit den „Verbesserungsklagen“ 2016 die Rechtsprechung änderte, wie Gerichte und Behörden mit der Bearbeitung kaum hinterherkamen.

Ataallah kann die Entscheidungen in seinem Fall nicht nachvollziehen, hat Klage eingereicht und erwartet eine Antwort, während sein Anwalt zurückhaltend argumentiert – und auch sein potenzieller Bürge den Ball am liebsten flach halten würde.

Sein Nettogehalt reiche für den Lebensunterhalt von Frau und drei Kindern nicht aus, habe die Behörde festgestellt, sagt Khaled Ataallah. Nach Integrationsgesetz besteht die Möglichkeit, eine Bürgschaft, inzwischen befristet über fünf Jahre, für einen Ausländer zu übernehmen. Die Behörde prüft, ob derjenige die Bedingungen erfüllt, der Bürge unterschreibt eine Verpflichtungserklärung. Aus seinem großen Bekanntenkreis hat der kommunikative Khaled jemanden gewonnen, der dazu bereit ist. „Rein menschlich“, sei sein Motiv, erklärt der Unterstützer, der anonym bleiben will, das Risiko für ihn „überschaubar“. Vor allem aber hofft er, dass sein Schützling die extreme Belastung gut verkraftet und seine Prüfungen schafft. Im Oktober ist auch noch das Zertifikat B2 in Deutsch an der Reihe.