zur Navigation springen
Lokales

22. Juli 2017 | 14:49 Uhr

Feriencamp: Erfindung aus Appen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Kinderfreizeit So ging Urlaub vor hundert Jahren / Otto Stockhausens Kolonie für Jungen / Autor Jürgen Wehrs schreibt Biografie

Aufatmen bei Appens Schülern – in etwa einer Woche ist ihr letzter Schultag, die sehnsüchtig erwarteten Ferien sind fast da. Für manche geht es mit der Familie in den Urlaub, für andere mit Freunden ins Feriencamp. Spaß und Action ganz ohne Eltern, eine großartige Erfindung der amerikanischen Pfadfinder. Oder? „Die Idee vom Feriencamp geht zurück auf die Pfadfinder, die 1907 erstmals ein Zeltlager mit etwa 20 Jungen veranstalteten“, sagt der Autor und Pädagoge im Ruhestand Jürgen Wehrs. „Aber in Appen hat der Hamburger Otto Stockhausen (Foto) eine Ferienkolonie auf dem Schäferhof aufgebaut: schon fünf Jahre früher und zwar mit 120 Kindern.“ Otto Stockhausen? Der Name ist heutzutage nur noch wenig bekannt. Wehrs hat die erste Biografie über ihn geschrieben, die letztes Jahr nach intensiver Recherche im Steinmann Verlag erschien. Zudem ist er Mitglied im christlichen Verein junger Menschen (CVJM). Der Verein, den Stockhausen einst leitete – damals noch für „junge Männer“ – und mit dem er das Camp auf dem Schäferhof 1902 realisierte.

„Appen war damals berühmt für die Ferienkolonie; das war eine Pionierleistung und der Beginn der Jugendarbeit. Ich frage mich, ob die Appener das überhaupt wissen“, sagt Wehrs. Denn: Kaum einer kennt ihn, den Ingenieur und Wasserbausinspektor Otto Stockhausen (1878-1914) – vielleicht noch dunkel als den Erbauer des alten Elbtunnels, der 2011 zum „historischen Wahrzeichen der Ingenieursbaukunst“ erklärt wurde. Dabei war seine Ferienkolonie weit bekannt. „Das war maßstabsetzend“, sagt Wehrs. „Stockhausen gründete einen Förderkreis, damit es keine sozialen Schranken gab. Auch für Ärmere sollte die Kolonie eine Chance sein, Natur zu erleben und Ferien zu machen.“ Der Schäferhof, auf dem sich damals bereits eine Arbeiterkolonie befand, wurde eigens aufgekauft. „In den besten Zeiten kamen 180 Jungen zwischen zwölf und 16 Jahren her“, berichtet Wehrs von den Ergebnissen seiner Spurensuche.


Einfache Kost und Schanzenstürmen


Bis 1931 wurde die Kolonie jeden Sommer für drei bis vier Wochen geöffnet. Es ging darum, ein einfaches und sportliches Leben zu führen. Butterbrote wurden selbstgeschmiert. Für manche reichen Jungen gar nicht so einfach. Außerdem herrschte eine strenge Ordnung: Morgen- und Abendandachten, Wanderungen und eine fast militärische Führung. „Man kannte ja noch keine pädagogischen Konzepte und Militär ging immer“, sagt Wehrs. Er schmunzelt. „Da gab’s kein Abhängen und Chillen.“ Was nicht heißen soll, dass die Kinder keinen Spaß gehabt hätten: „Da wo heute der Appener Friedhof ist, wurde eine Treuburg aufgebaut. Eine Gruppe musste verteidigen, die andere angreifen“, erzählt Wehrs. „Die Angreifer hatten Bambusspeere und die Verteidiger durften mit Grasplacken werfen. Das ist ein Spiel, das Stockhausen erfunden hat.“ Das Prinzip gibt’s noch heute: Wehrs vergleicht es mit modernem Lasertag. „Das Konzept Stockhausens wurde bis nach Wandsbek und Hannover übernommen.“

Die vielen Anekdoten, die in Wehrs Buch sehr ausführlich und gut dokumentiert erscheinen, waren echte Puzzle-Arbeit: „Es gab kaum etwas, was über Stockhausen bekannt war“, berichtet Wehrs. „Da ist es umso wichtiger, ein solches Projekt umzusetzen, bevor alles in Vergessenheit geraten ist.“ Etwa drei Jahre lang durchstöberte er CVJM–Vereinszeitschriften und alte Papiere in mehreren Archiven, darunter das Staatsarchiv Hamburg. In Appen sprach er mit Pastor Frank Schüler und besuchte den Schäferhof. Das Ergebnis ist ein 121 Seiten starkes Buch, das nicht nur die Pionierleistung Stockhausens in der Jugendarbeit beleuchtet, sondern ebenfalls sein Wirken als Leiter des CVJM und als Bauingenieur.

Den Schäferhof gibt es heute noch und auch die Arbeiterkolonie, heute die Diakonie. Nur das Camp ist fast vergessen. Auf dem Friedhof, wo einst die hart umkämpfte Treuburg stand, erinnert nur noch ein Gedenkstein an Stockhausen und seine Errungenschaften – 1922 aufgestellt von seinen Ferienkindern, nachdem er im Ersten Weltkrieg in der Schlacht an der Marne gefallen war. Wehrs will Stockhausen aus der Versenkung ins kommunale Gedächtnis zurückholen.



Jürgen Wehrs: „Otto Stockhausen. Eine Biographie“, Steinmann Verlag, 2016. Taschenbuch 18,80 Euro.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 13.Jul.2017 | 16:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen