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Gaststätte drohtdas Aus Die Geschichte der einzigartigen Eutiner Windmühle

Von Regine Jepp | 29.07.2022, 06:29 Uhr

Der reetgedeckte Galerieholländer auf dem Mühlenberg ist einer der wenigen erhaltenen städtischen Windmühlen, das Lokal seit Jahrzehnten eine gastronomische Institution

Die Entstehung der Eutiner Mühle ist mit der Aufhebung des Mühlenzwanges zum 1. Januar 1853 durch ein Oldenburgisches Staatsgrundgesetz verbunden. Während der Zeit, in der das Korn in der Mühle mahlt, verweilen die Lieferanten in der Nähe und kehren häufig in ein Gasthaus ein. Gaststube und Mühle bilden daher einen historischen Zusammenhang.

Die Eutiner Mühle wird zwischen 1849 und 1850 von C. Heinrich Hass in Auftrag gegeben. Von seinem Grundstück in der Auguststraße 12, heute Albert-Mahlstedt-Straße, gibt es einen Weg hoch zur Mühle.

Der Erbauer ist der wohl erfolgreichste Mühlenbauer im deutschsprachigen Raum, Carl Friedrich Trahn aus Neustadt, der über 100 Windmühlen gebaut hat. Die Eutiner Mühle ist eines seiner stattlichsten Bauwerke, zu denen nicht nur Mühlen, sondern auch der denkmalgeschützte Pagodenspeicher am Neustädter Hafen zählt.

1886 übernimmt der aus Rantzau zugezogene Mühlenbesitzer Heinrich Detlef Mews die Mühle. Die Eutiner holen dort Mehl, Grütze und Hühnerfutter. Um 1900 erhält die Mühle anstatt des „Steerts“, mit dem sie manuell in den Wind gedreht werden muss, eine Windrose, die dies selbsttätig übernimmt.

Nachdem Mews 75-jährig am 10. Mai 1933 verstirbt, betreibt ein Geselle die Mühle noch einige Jahre weiter, bis sie am 1. April 1939 stillgelegt wird. Die betagte Witwe Theodora verkauft die Mühle der Stadt für 10.000 Reichsmark, der Weg zwischen der Mühle und Auguststraße wird geschlossen.

„Moder Grau“ ist zu diesem Zeitpunkt die einzige noch voll funktionstüchtige Mühle in der Gegend. Im August 1945 gibt es Bestrebungen, das Gebäude bis auf den gemauerten Sockel abzureißen, da das Baumaterial für Sanierungen fehlt.

Im Januar 1946 möchte Müllermeister Walter Schröder aus Lübeck die Mühle kaufen, sie wird ihm entgeltfrei für zehn Jahre zur Verfügung gestellt, da er sich verpflichtet, die Instandsetzung zu bezahlen. Nach der Währungsreform im Sommer 1948 macht Schröder der Stadt ein neues Kaufangebot.

Im Oktober 1949 kommt es zum Verkauf, vertraglich wird sichergestellt, dass die Mühle in einem guten baulichen Zustand erhalten bleiben muss.  Grundbuchrechtlich lässt sich die Stadt ein Vorkaufsrecht für alle Fälle und ein Ankaufrecht für den Fall, dass die Mühle in ihrem Aussehen verändert oder den guten baulichem Zustand verliert, zusichern.

Schröder macht aus der Ruine eine moderne, elektrisch betriebene Mühle, die einen großen Kundenstamm der Kreise Eutin und Plön versorgt, wie sich alte Eutiner erinnern.

Der letzte Eutiner Müllermeister heißt Hermann Born, zurzeit ist nicht bekannt, wann er die Mühle übernahm. 1959 will er den Betrieb mit modernen „Ventikanten-Flügeln“ wieder auf Windbetrieb umstellen. Neben dem Problem der Finanzierung gibt es Einwände wegen der „Beeinträchtigung des Stadtbildes“.

1962 kauft der Fernsehmechaniker Ridder die Mühle. Er entfernt sämtliche Mühlentechnik, nutzt das Gebäude zu Wohnzwecken und eröffnet am 1. Juni 1963 eine Fernsehwerkstatt.

1966/67 sorgt die Stadt dafür, dass die Mühle wieder instand gesetzt wird. Neben Zuschüssen der öffentlichen Hand beteiligt sich auch die Eutiner Öffentlichkeit mit Spenden.

Die Sanierung betrifft vor allem die Reparatur der Flügel, die Galerie und die Erneuerung der Windrosenanlage. Danach lässt sich die Stadt Eutin erneut grundbuchrechtlich sichern, dass der Eigentümer das äußere Bild der Mühle nicht verändern darf und sie erhalten muss.

1970 wird die Mühle als Technisches Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung ins Denkmalbuch eingetragen. Es handelt sich um die letzte von ehemals vier Windmühlen Eutin: Neben „Moder Grau“ gab es  die Wiesesche Mühle auf dem Kamp (Hoher Berg), eine an der Ecke Elisabethstraße und Weidestraße und eine in Fissaubrück auf dem Kastanienberg.

Nur in Eutin, Flensburg, Kappeln, Meldorf und Gettorf (ebenfalls von Trahn) sind noch städtische Windmühlen erhalten. Die Eutiner Mühle, ein Galerieholländer auf achteckigen Steinunterbau, ist auch deshalb ein besonderes Einzelstück, weil sie eine der letzten Mühlen ist, die inklusive der Kappe in Reet gedeckt sind.

Im Jahr 1970 wird die Mühle an den Gastwirt Hubert Stern aus Kaköhl verkauft. Er verpachtet das Gebäude, im Erdgeschoss wird eine Gaststätte eingerichtet.

Nach drohender Versteigerung kauft das Landwirtsehepaar Bannick aus Bistensee 1977 das Gebäude. Am 11. Juli 1979 eröffnen die Pächter Matthias Pfuhl und Peter Hübner die Gaststätte „MaPe‘s Mühle“. Matthias Pfuhl hatte als Barkeeper, Peter Hübner als Koch im Malenter Hotel „Intermar“ gearbeitet, bevor sie sich gemeinsam in der Mühle selbständig machen.

1990 verlässt Pfuhl den Betrieb. 1994 kauft Peter Hübner die Mühle, die Mitte der 1980er Jahre wieder in das Eigentum von Hubert Stern gekommen war. Zweiter Mühlenwirt Andreas „Desche“ Johannsen.

„Desche“, im nordfriesischen Ockholm geboren, leistet seinen Zivildienst in der Eutiner Jugendherberge und ist Gast der ersten Stunde, im September 1980 beginnt er als Küchenhilfe, fungiert später als Koch und wechselt.

Schnell etabliert sich die Mühle für viele Eutiner Heranwachsende als zweites Wohnzimmer, argwöhnisch von den Eltern beäugt, haftet der Kneipe doch das Prädikat „Old Haschmöhl“ an – zu Unrecht, weder tolerierten die Wirtsleute offensichtlichen Drogenkonsum, noch aggressives Verhalten.

„Moder Grau“ bekommt neue Bedeutung

Im Frühjahr 1993 setzt ein Sturm der Mühle stark zu, ein Flügel bricht ab, das zerzauste Reetdach gibt Hunderten von Tauben Obdach. Die Verwahrlosung des Kappeninneren und des Kappenbodens, dezimeterdicker Vogeldreck bedeckt das Gebälk und macht diesen Raum unbegehbar, sorgt für ein Kleinklima, das die Bindedrähte des Reets von innen rosten lässt. In diesem Zustand trägt sie den ihr vom Volksmund verliehene Namen „Moder Grau“ zu recht.

Nach dem Erwerb durch die Wirte beginnt eine umfangreiche Sanierung. Die Bürgergemeinschaft Eutin (BGE) startet eine beispiellose Spendenkampagne. Gut 25.000 DM bringt die Eutiner Öffentlichkeit auf, Stadt Eutin, Kreis Ostholstein, das Land und das Landesamt für Denkmalpflege geben Zuschüsse, etwa die Hälfte der Sanierungskosten von mehr als 200.000 DM kommen zusammen.

Anfang Juni 1995 wird eine 14 Tonne schwere neuen Kappe aufgesetzt. Am 28. Juni 1995 werden als Endpunkt der Sanierung die neuen elf Meter langen und 2,2 Meter  breiten Mühlenflügel montiert.

Ein rückwärtiger Anbau ermöglicht 1999 die Verlegung der Küche und eine deutliche Erweiterung des Gastraumes sowie die Anlage einer Terrasse auf der Westseite, im Eingangsbereich wird eine historisch stimmige, handgefertigte Eingangstür eingebaut, für die wieder die Bürgergemeinschaft 4000 DM gibt.

Jeweils im Juli 2004 und 2009 werden große Feten zum des 25. und 30. Bestehen gefeiert. Zu diesen Gelegenheiten finden sich Gäste der ersten Stunde ein. Anekdoten werden ausgetauscht, darunter die Erinnerung an den heiß erwarteten ersten Gast, der am 11. Juli 1979 den Mühlenweg herauf kam. Es war der Briefträger.

Zu diesen Anlässen wird auch gerne in Erinnerungen an die zahlreichen Konzerte, die stattgefunden haben, geschwelgt. Meist mit Jazz, Blues und Rock schätzen nicht nur lokale Musiker wie die Happy Schwale Band, die Coverband „Stone“ oder auch „fáilte“ mit irischem Folk die Clubatmosphäre und uriges Ambiente, sondern auch international bekannte Größen wie Champion Jack Dupree, Diunna Greenleaf, Inga Rumpf, Hannes Warder, Gottfried Böttger, Johnny Sansone, Joja Wendt oder Abi Wallenstein.

Im Gästebuch verewigen sich nicht nur die illustren Künstler, sondern auch Menschen, die einfach nur „eine gute Zeit“ in der Mühle verbringen. Einträge wie „Der Berg ruft“, „Meine Eltern waren hier und meine Kinder werden kommen“ oder auch „Hier habe ich in 25 Jahren ein Eigenheim versoffen“ sprechen vielen Mühlenfans aus der Seele.

Zum 1. November 2009 wird die Kneipe an den früheren Platzwart auf Waldeck, Volkhard Schlüter, verkauft.  Peter Hübner war bereits gestorben, „Desche“ Johannsen schwer erkrankt, er stirbt 2010.

2016/2017 erfolgt eine Neueindeckung des Rumpfes der Mühle. Die Gesamtkosten belaufen sich auf etwa 65.000 Euro, von denen die BGE 8000 Euro  übernimmt. Das Reet auf der Kappe soll nun 30 Jahre, das am Rumpf 40 bis 50 Jahre die Mühle sicher schützen. Nun steht sie erneut zum Verkauf.  Der Kneipe, ein Herzstück der Eutiner Gastronomie, droht das Aus.

Quellen: Ostholsteiner Anzeiger,  Stadtarchiv Eutin, Unterlagen Denkmalschutzbehörde, Gutachten des Mühlenbauers Uwe Karstens, Gästebücher Mühle

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