Flensburg : Erhöhte Unfallgefahr durch immer mehr Rehe in der Stadt

Jäger Fritjof Weidner ist mit seinem Pudelpointer „Ayla“ an die Unfallstelle geeilt.
Jäger Fritjof Weidner ist mit seinem Pudelpointer „Ayla“ an die Unfallstelle geeilt.

Ein Dutzend Einsätze gab es in diesem Jahr allein im Bereich Fördestraße – die Hälfte aller Fahrer begeht Unfallflucht.

shz.de von
15. August 2018, 06:15 Uhr

Flensburg | Die Frau steht sichtlich geschockt am Fahrbahnrand. Der Kopf gesenkt. Zu ihren Füßen liegt ein totes Reh. Minuten zuvor ist das Tier vor ihr Auto gelaufen. „Es ging ganz plötzlich.“ Ein Bremsmanöver kann den Unfall nicht mehr verhindern. Die Ricke verendet, der schwarze Fiat 500 kommt mit einer Delle im Frontbereich davon. Ein Fall für die Versicherung.

Die Fahrerin war am Dienstag in Richtung Innenstadt unterwegs, als es gegen 10.30 Uhr auf der Fördestraße in Höhe der Schule Strategische Aufklärung der Bundeswehr passierte. „Das ist schon der zehnte Vorfall mit einem Reh in diesem Bereich“, sagt Fritjof Weidner. Der pensionierte Zahnarzt und Jäger muss im Schnitt wöchentlich einmal ausrücken, auf 150 Einsätze kommen er und zwei Kollegen im Jahr. Nicht immer Rehe sind betroffen, sondern auch Damwild, Steinmarder oder Marderhund. Die Männer werden auch gerufen, wenn, wie jüngst geschehen, ein verendendes Eichhörnchen auf dem Schulhof entdeckt wird. „Weinende Schüler rundum.“ Es fand seine letzte Ruhe unter einem Haselnussbaum.

Rehwild ist im Gegensatz zum Kulturflüchtling ein Kulturfolger – es rückt näher an den Menschen heran. Nicht nur in Schrebergärten. Besonders im erweiterten Osbektal wird es gesichtet, auch an der B200, Höhe Teufelsbrücke, oder im Volkspark, in dem die Stadt bis zum 31. Januar eine Sondergenehmigung für die Bejagung erteilt hatte. In dem 75 Hektar großen Gebiet waren 15 Tiere zum Abschuss freigegeben – letztlich aber, weiß Weidner, habe es nur drei Opfer gegeben. Auf 200 Exemplare schätzt er den aktuellen Bestand im erweiterten Stadtgebiet bis hin zum Weesrieser Gehölz. Eine relativ konstante Zahl. Für ihn bedeutet das keine Überpopulation. „Der Wildwechsel ist derzeit sehr rege, besonders bei Böcken in der Brunft.“

Unfälle haben nicht immer den Tod eines Tieres zur Folge. Manchmal ist es schwer verletzt, hat sich mit letzter Kraft an einen anderen Ort geschleppt, und der Jäger muss es finden und erlösen. „Oft werden wir auch gerufen – und der Fahrer ist plötzlich verschwunden.“ Fritjof Weidner schätzt, dass fast die Hälfte der Beteiligten Unfallflucht begehen.

Der Tierfreund hievt die tote Ricke in seinen Volvo. Er wird sie an eine Sammelstelle bringen – von dort aus geht es zur Abdeckerei. Manchmal wählt der 73-Jährige aber auch einen anderen Weg. „Dann geben wir die Kreatur der Natur zurück.“

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