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„Teilhabe gab es früher – heute nicht mehr“ : Zwei Generationen berichten von ihren Erfahrungen mit Inklusion in Schulen

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Ist Inklusion der richtige Weg, um Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft zu integrieren? Martina Thormählen verneint das ganz entschieden.

Elmshorn/Neuendorf | „Die Befürworter der Inklusion sprechen immer von gesellschaftlicher Teilhabe. Meiner Meinung nach gab es das früher – heute aber nicht mehr.“ Martina Thormählen weiß, wovon sie spricht. Die Neuendorferin hat eine heute 29-jährige Tochter, die zu 80 Prozent schwerbehindert ist. Elisabeth ist komplett eigenständig, trotz ihrer schweren Sprachstörung. Die junge Frau arbeitet als Hauswirtschaftshelferin und hat ihre eigene Wohnung.

Martina Thormählen ist sicher: Das verdankt ihre Tocher in erster Linie der guten Ausbildung an der Förderschule. Sorgen macht sie sich dagegen um die Zukunft ihrer Enkel. Ihr 11-jähriger Enkel hat große Defizite im Bereich Lernen, die vierjährige Maite leidet ebenfalls an einer Sprachbehinderung. Seit Schleswig-Holstein 2009 die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen unterschrieben hat, sollen alle Kinder Regelschulen besuchen.

Gemeinsam mit ihrer Tochter Margaretha, der Mutter von Maite, erzählt Martina Thormählen vom Alltag eines Kindes mit Behinderung – früher und heute. „Als der Schularzt meine Tochter Elisabeth zum ersten Mal gesehen hat, versicherte er mir sofort, er werde alles genehmigen, was wir wollen“, berichtet Martina Thormählen. „Und ab diesem Zeitpunkt bekamen wir völlig unbürokratisch sämtliche Unterstützung.“ Elisabeth besuchte die Sonderschule Paul-Dohrmann. „Das war eine Klasse mit nur zehn Kindern. Ein Sozialpädagoge reiche zur Betreuung vollkommen aus, aber der war richtig fit“, erzählt Martina Thormählen. Die Kinder lernten Regeln, lernten pünktlich zu sein, nett miteinander umzugehen – „einfach die Fähigkeiten, die sie für ihr späteres Leben benötigten“, sagt Thormählen. Dazu habe keine höhere Mathematik gehört. Dafür hätten die Lehrer den Kindern beigebracht, wie man mit dem Bus fährt oder einfache Rechenaufgaben löst. „Nach neun Jahren kamen diese Kinder im Leben zurecht und konnten in der Gesellschaft ihren Platz finden. Und sie hatten ein großes Selbstbewusstsein, weil immer jemand in der Klasse irgendetwas besser konnte als die anderen.“

Die 31-jährige Margaretha Thormählen erlebt mit ihrer vierjährigen Tochter Maite, die unter der selben Behinderung leidet wie Elisabeth, jetzt das komplette Gegenteil. „Erst einmal wird immer alles abgeschmettert“, erzählt sie. Als sie für ihre Tochter heilpädagoische Frühmaßnahmen beantragt habe, seien diese von der Amtsärztin abgelehnt worden. „Erst als ich der Ärztin bewusst gemacht habe, dass auch sie Maite nicht verstehen kann, bekam ich die Bewilligung.“ Jedes halbe Jahr muss sie die Unterstützung aufs Neue beantragen. Demnächst soll Maite auf die Schule gehen. Thormählen will mit aller Kraft dafür kämpfen, dass ihre Tochter auf eine spezielle Förderschule in Hamburg gehen kann. „Aber es ist unglaublich schwer da dran zu kommen, weil diese Plätze den Kreis viel Geld kosten.“

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„Als Eltern eines Kindes mit
Behinderung braucht man ein starkes Rückgrat.“

Margaretha Thormählen
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Wozu Inklusion an Regelschulen führen kann, sieht die junge Frau bei dem Sohn ihres Bruders. Der 11-Jährige hat starke Lernschwierigkeiten. Das habe dazu geführt, dass der Junge jetzt drei Jahre hinter dem Schulstoff herhänge und extrem demotiviert sei. „In dieser Zeit ist in ihm viel kaputt gegangen. Einfach weil er immer der Schlechteste ist und die Lehrer nicht in der Lage sind, bei über zwanzig Kindern intensiv auf die Bedürfnisse eines Einzelnen einzugehen.“ Die Eltern hakten immer wieder hinterher – bis schließlich ein Schulbegleiter bewilligt wurde. „Seitdem ist alles deutlich besser.“

Als Mutter oder Vater eines Kindes mit Förderbedarf brauche man ein starkes Rückgrat, sagt Margaretha Thormählen. „Man muss dran bleiben. Aber häufig kommen diese Kinder aus einem schwierigen sozialen Hintergrund und die Eltern sind dazu nicht in der Lage. Wie sollen sich diese Kinder später in der Gesellschaft zurechtfinden?“

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erstellt am 26.Apr.2016 | 16:00 Uhr

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