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Elmshorner Nachrichten

24. November 2017 | 06:53 Uhr

Westerhorn : Wirbel um den historischen Bahnhof

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Eine Handvoll Bürger kämpft um die Keimzelle der heutigen Gemeinde Westerhorn aus dem Jahre 1847. Die Bahn will das Gebäude abreißen.

shz.de von
erstellt am 24.Mai.2016 | 16:15 Uhr

Westerhorn | Wenn ein Zug vorbeidonnert, vibriert der Boden unter den Füßen. „Die Bahnhofsgebäude sind damals so gebaut worden, dass sie das aushalten“, sagt Dr. Holger Reimers (59), Bau- und Kunsthistoriker aus Hohenfelde im Kreis Steinburg. Reimers zeigt auf das alte Bahnhofsgebäude von Dauenhof – dem Ortsteil der benachbarten Gemeinde Westerhorn. Der älteste Teil, das frühere Bahnwärterhaus, ist inzwischen 169 Jahre alt und weist – wie der größere Erweiterungsbau aus dem Jahre 1901 – keine Setzungsrisse im Mauerwerk auf. Und dies, obwohl heutzutage gut 200  Züge täglich an der Hauptstrecke zwischen Hamburg und Neumünster vorüberrauschen. Reimers sagt: „Einzig die Fugen müssten nachgebessert werden.“

Dazu aber wird es nicht mehr kommen. „Die Entscheidung ist gefallen, das alte Bahnhofsgebäude wird abgerissen“, teilt Sabine Brunkhorst, Sprecherin der Deutschen Bahn in Hamburg, auf Anfrage unserer Zeitung mit. Sehr zum Bedauern des Bauhistorikers und anderer Dauenhofer, die das Bahnhofsgebäude unbedingt erhalten wollen. Allen voran Kay Sierk (47), Gemeindevertreter in Westerhorn und Chef der örtlichen Feuerwehr sowie Inhaber eines Landhandels jenseits der Bahnschranken im Ortszentrum. „Durchs Fenster in meinem Büro schaue ich jeden Tag auf den alten Bahnhof“, sagt der mittelständische Unternehmer.

Der Bahnhof Dauenhof in alten Zeiten: Der kleinere Teil entstand bereits 1847, der größere Anbau im Jahre 1901.
Der Bahnhof Dauenhof in alten Zeiten: Der kleinere Teil entstand bereits 1847, der größere Anbau im Jahre 1901. Foto: Archiv Reinhard Jung

Sierk hat der Bahn vor kurzem ein Kaufangebot gemacht: 5000 Euro bietet er für den inzwischen leer stehenden Gebäudekomplex. Eine weiter abseits von den Gleisen gelegene, ehemalige Bahnhofsgaststätte hat er bereits gekauft. Der ehemalige Gastwirt, der inzwischen 104 Jahre alte Herbert Fölster, genießt hier noch lebenslanges Wohnrecht. Für die Nachfolgenutzung hat Sierk bereits konkrete Pläne: „Ein kleines, grünes Warenhaus“ solle in der Ende des 19. Jahrhunderts errichteten Gaststätte entstehen.

Auch Wohnungen seien denkbar. Zusammen mit dem historischen Bahnhof entstünde ein Ensemble aus der Gründerzeit des Deutschen Kaiserreichs. „Wenn wir dann zur Straßenseite noch Bäume anpflanzen, hätten wir mittendrin einen schönen Platz, der von den historischen Gebäuden abgeschlossen wird“, sagt Reimers. Passend dazu hat Sierk auch für den Bahnhofskomplex bereits Pläne: „Ein kleines Fahrradgeschäft, einen Friseur, eine Eisdiele und vielleicht noch einen Kiosk.“

Mit dem Ensemble entstünde ein neuer Dorfmittelpunkt. „Altes würde mit dem Nützlichen verbunden“, betont Sierk. Für Reimers eine Anlehnung an historische Zeiten. „Bahnhöfe waren früher die Kathedralen des Fortschritts“, sagt der Bau- und Kunsthistoriker. Auch in Dauenhof sei der Bahnhof die Keimzelle des Ortes gewesen. Seinerzeit habe es nur einzelne Bauernhöfe in der Umgegend des damaligen Gutes Dauenhof gegeben. Pferd und Wagen waren die Fortbewegungsmittel. Im Jahr 1844 wurde die Bahnstrecke von Altona nach Kiel gebaut. „Und mit dem kleinen Bahnhof drei Jahre später gab es plötzlich den Anschluss an die Welt“, sagt Holger Reimers. „Das war damals revolutionär.“ Und hatte Konsequenzen: Ein Kolonialwarenladen wurde in Dauenhof errichtet, Häuser entstanden – es entwickelte sich das Dorf.

Auch abseits Schleswig-Holsteins wird bereits für den Erhalt gekämpft: „Das Bahnhofsgebäude von Dauenhof ist ein wertvolles Geschichtszeugnis“, sagt Reinhard Jung (50), freier Journalist und Landwirt in Lennewitz im westlichen Brandenburg. Jung wuchs in Westerhorn auf und veröffentlichte die „Geschichte Dauenhofs“.

Abrisspläne der Deutschen Bahn habe es bereits vor zwanzig Jahren gegeben, berichtet Jung. 1995 hätten „zwei Dauenhofer Hamburg-Pendler, der inzwischen leider verstorbene Richter Hans-Dieter Gierga und ich“, 620 Unterschriften für die Erhaltung gesammelt. Die Bahn habe ihre Pläne geändert und die vorgesehenen Bahnsteige und Parkplätze an einen anderen Standort verlegt.

Und der Bahnhof heute: Vor den kleineren Teil wurde noch ein Anbau (das Stellwerk) gesetzt, der größere Teil von 1901 ist noch so erhalten.
Und der Bahnhof heute: Vor den kleineren Teil wurde noch ein Anbau (das Stellwerk) gesetzt, der größere Teil von 1901 ist noch so erhalten. Foto: Michael Ruff
 

Ähnliches steht jetzt erneut im Raum: „Es gibt den Wunsch des Amtes Hörnerkirchen und der Gemeinde, dass hier Parkplätze entstehen“, sagt Bernd Reimers (57), Bürgermeister in Westerhorn. Im jetzigen Zustand sei der Bahnhof „kein Aushängeschild“. Genau dies will Sierk ändern. Seine letzte Hoffnung liegt im Kaufangebot, das er am 11. Mai der Bahn zusandte. Eine Antwort sei noch nicht erfolgt, sagt Bahnsprecherin Sabine Brunkhorst. Sie werde aber lauten: „Wir werden das Kaufangebot ablehnen.“

Im Oktober solle der Gebäudekomplex abgerissen werden. Vorgeschriebene Abstände zur Oberleitung sowie weitere technische Einrichtungen wie Kabelschächte, die weiterhin frei bleiben müssen, machten dies unabdingbar.

Eine Argumentation, die die Freunde des Bahnhofs nicht nachvollziehen können. Bis zur Oberleitung seien noch fünf Meter Luft, sagt Reimers. Einzig das direkt angebaute Stellwerk sei zu dicht an den Gleisen. Mit dessen Abriss könne man sich arrangieren, nicht aber mit dem der eigentlichen Bahnhofsgebäude.

Den Vibrationen durch die Züge widerstand das Gemäuer mehr als ein Jahrhundert unbeschadet – „warum soll sich der Abrissbagger an so einem massiven Klinkerbau die Zähne ausbeißen?“, fragt Reinhard Jung. Seine Hoffnung: „Vielleicht geschieht ja noch ein Wunder und jemand zieht die Notbremse.“

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