zur Navigation springen
Elmshorner Nachrichten

12. Dezember 2017 | 07:42 Uhr

„Wir lassen uns nichts gefallen!“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

GewerkschaftDie Arbeitnehmerorganisationen leiden unter Mitgliederschwund, aber Rechte Angestellter müssen verteidigt werden

In unserer Serie „Hinter den Kulissen von Pinneberg“ stellen wir in unregelmäßiger Reihenfolge Institutionen, Vereine und Firmen vor und zeigen die Menschen dahinter. Heute geht es um drei Gewerkschafterinnen, die über ihre Motivation und ihr Engagement berichten.

Gewerkschaften mussten in den vergangenen Jahren mit stetem Mitgliederschwund umgehen. Immer weniger Arbeitnehmer organisieren sich. Haben die Arbeitnehmerorganisationen noch eine politische Bedeutung oder werden sie zum Auslaufmodell? „Sie ist noch immer eine sehr wichtige politische Kraft“, sagt Irina Nelles. Sie arbeitet in der Qualitätskontrolle bei einem Pharmaunternehmen, engagiert sich als Vertrauensfrau, in der Schwerbehindertenvertretung, im Betriebsrat und ist Kassenwartin bei der Pinneberger Ortsgruppe der Industriegewerkschaft Bergbau Chemie Energie (IGBCE): „Unserer Firma geht es gut. Wir bekommen sogar Mitarbeiterbeteiligungen. Da sieht, niemand die Notwendigkeit in die Gewerkschaft einzutreten.“ Aber ohne Gewerkschaft würden die Bedingungen für alle generell wieder schlechter werden, davon ist sie fest überzeugt.

Auch Produktionshelferin Elke Soetebehr macht bei der Pinneberger IGBCE-Ortsgruppe mit und kritisiert passives Verhalten: „Einige Kollegen meinen, sie bräuchten nicht in die Gewerkschaft eintreten, weil sie nach den Tarifabschlüssen ja doch den gleichen Lohn bekommen wie Gewerkschaftsmitglieder.“ Dahinter stehe laut Soetebehr eine bestimmte Haltung: „Die anderen machen das schon. Da brauche ich keinen Beitrag leisten. Läuft auch so.“

Es gebe eine Grundregel, die fast immer zutrifft, sagt Ortsgruppenvorsitzende Jutta Schwarz: „Je besser es einer Firma geht, desto weniger Mitarbeiter sind gewerkschaftlich organisiert – und umgekehrt.“ Die 70-Jährige muss es wissen. Sie ist ein Leben lang engagierte Gewerkschafterin und Betriebsrätin gewesen. Aber die Resonanz ist ernüchternd. Der Solidargedanke sei verloren gegangen. „Zuerst wird gefragt, was bekomme ich dafür.“ Dann werde gemeckert, weil der Beitrag so hoch sei. „Alles wird als so selbstverständlich angesehen, dabei sind die Arbeitnehmerrechte hart erkämpft.“ Eine Mitgliedschaft sei enorm wichtig – nicht nur als persönliches Statement, sondern als Stärkung für die Gewerkschaften: „Je mehr Mitglieder eine Gewerkschaft hat, desto mächtiger wird sie – und das ist gut für die Arbeitnehmer. Aber das begreifen viele leider nicht.“
Den Pinneberger IGBCE-Ortsverein plagen Nachwuchssorgen: „Wir sind überaltert. Die Jungen haben keine Lust. Erst wenn sie Familien gründen, flackert vereinzelt Interesse auf.“ Dabei wären junge Leute eine echte Bereicherung und würden mit offenen Armen aufgenommen werden. „Die sind doch so fit mit den neuen Medien. Das Know-how können wir gut gebrauchen“, sagt Schwarz.

Die Ortsgruppenvorsitzende hat der Gewerkschaftsarbeit auch persönlich eine Menge zu verdanken: „Meine ganze Generation ist doch zum Duckmäusertum erzogen worden“, berichtet Schwarz. „Aber durch die Seminare, den Kontakt mit Menschen und die Reden, die ich teilweise vor 200 Menschen halten musste, bin ich sowas von selbstbewusst geworden.“ Nelles und Soetebehr können das nur bestätigen: „Wir lassen uns nichts mehr gefallen.“ Außerdem sei die Betriebsratsarbeit enorm wichtig: „Da kommen verzweifelte Menschen zu dir, denen du wirklich helfen kannst. Bei ungerechtfertigten Abmahnungen oder Kündigungen und vor allem auch bei Mobbing im Betrieb“, sagt Schwarz. Das sei im Laufe der Jahrzehnte ein echtes Problem geworden. „Früher wurde mal gefrotzelt, jetzt wird die Psycho-Keule geschwungen. Schlimm.“

Auch Soetebehr sieht einen Wandel in den Betrieben: „Es ist härter geworden. Der Druck auf den Einzelnen hat zugenommen.“ Geburtstage mit Sekt und Kuchen, wie früher üblich, gebe es nicht mehr.“

Die drei IGBCE-Frauen wie auch der restliche Vorstand der Pinneberger Ortsgruppe arbeiten ehrenamtlich. Es gibt im ganzen Kreis Pinneberg etwa 800 Mitglieder, die bei Schwarz anklingeln, wenn sie Fragen haben. Außerdem werden gemeinsame Grillfeste, Unternehmungen und Ausflüge organisiert. Am 10. Juni geht’s mit 50 Leuten nach Helgoland. Schwarz: „Mein Büro ist übergangsweise zum Reisebüro geworden. Das gehört auch dazu.“


Im nächsten Teil unserer Serie „Hinter den Kulissen“, die am Donnerstag, 15. Juni, erscheint, stellen wir Ihnen den Kriminalpräventiven Rat vor.

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen