zur Navigation springen
Elmshorner Nachrichten

17. Dezember 2017 | 13:40 Uhr

„Wir geben der Stadt ein Gesicht“

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Interview Wirtschaftsförderer Thomas Becken äußert sich zu Leerständen, Gewerbesteuern, Stadtumbau und großen Fischen

shz.de von
erstellt am 08.Apr.2017 | 16:45 Uhr

Thomas Becken ist seit 2008 Wirtschaftsförderer der Stadt Elmshorn. Im Interview mit den EN verrät er, warum die Gewerbesteuereinnahmen steigen müssen, wie er die neue Marke vermarkten möchte und warum ein großes Unternehmen am Ende doch nicht nach Elmshorn gekommen ist.

Frage: Herr Becken, Elmshorn hat jetzt eine Marke. Wie wollen Sie als Wirtschaftsförderer den Slogan „Elmshorn supernormal“ gezielt einsetzen?
Becken: Viele Unternehmen leiden unter dem Fachkräftemangel. Durch die Marke erreichen wir Aufmerksamkeit, können Menschen nach Elmshorn locken, die vielleicht sonst nicht kommen würden. Eine Stadt braucht ein Gesicht. Durch unsere Marke geben wir Elmshorn ein Gesicht. Eine Stadt, in der man „normal“ leben kann und die über viele erstklassige Angebote zum Beispiel in den Bereichen Bildung, Kultur, Sport und Events verfügt.

Sie haben seit Januar eine Marke. Aber wo ist die Kampagne, um den Slogan in der Stadt, bei der Wirtschaft und in den Vereinen zu implementieren?
Becken: Es stimmt. Wir haben es versäumt, die Kampagne sofort zu starten. Aber schon im Prozess der Markenfindung haben wir viele Aktionen skizziert. Die werden jetzt anlaufen. Es wird bis zum Jahresende Aktionen geben, um unsere Marke nach draußen in die Bevölkerung zu tragen. Sie wird nicht nur auf den Briefbögen und Visitenkarten der Stadt stehen.

Mit dem Gewerbepark Ost an der A  23 möchte die Stadt wieder ein eigenes Gewerbegebiet auf den Weg bringen. Welche Erwartungen verknüpfen Sie mit diesem Vorhaben?
Becken: Die Gewerbesteuereinnahmen von zirka 24 Millionen Euro sind für eine Stadt mit 52  000 Einwohnern zu gering. Wir müssten bei über 30 Millionen Euro liegen. Die Stadt hatte in den vergangenen Jahren keine eigenen Gewerbegebiete. Das hat sich als Manko erwiesen. Wir konnten den Ansiedlungsprozess deshalb nicht aktiv gestalten. Wir konnten selbst nichts anbieten, mussten an andere, auch Private, verweisen. Das wird sich mit dem Gewerbepark ändern.

Gibt es denn konkrete Nachfragen von Unternehmen, die nach Elmshorn kommen möchten?
Becken: Wenn die Flächen schon bereit stehen würden, wären sofort Firmen da, die sich dort ansiedeln möchten.
Das sind zum einen Firmen aus Elmshorn, die sich erweitern müssen, aber auch Unternehmen von außen.

Wann fällt der Startschuss?
Becken: 2019 sollen die ersten Firmen kommen.

Wie locken Sie denn Firmen nach Elmshorn?
Becken: Unser großes Plus ist die exorbitant gute Lage an der A  23. In Hamburg sind die Flächen knapp und teuer. Das zweite Plus: Nicht nur die Infrastruktur der Gewerbegebiete ist hervorragend, sondern auch die Infrastruktur der Stadt Elmshorn. Sie bietet alles, um hier gut leben zu können.

Alle Kommunen buhlen um die Unternehmen, die Gewerbesteuern bringen. Wer sind Ihre größten Konkurrenten im Kreis?
Becken: Alle Städte im Kreis sind Konkurrenten. Aber mit die größte Konkurrenz ist für uns Nordgate, die Kooperation an der A  7. Dort wurden die Weichen früh für eine professionelle Ausrichtung der Wirtschaftsförderung gestellt.

Wurde an der A  23 geschlafen?
Becken: Es war an der A  23 schwieriger, diese intensive Zusammenarbeit zu organisieren. In der Zwischenzeit klappt aber die Kooperation immer besser.

Ist die Gewerbesteuer nicht immer auch eine gefährliche Steuer? Elmshorn und Wedel mussten doch leidvoll erfahren, was es bedeutet, wenn ein Großer weggeht oder nicht mehr zahlen kann.
Becken: Man sollte sich bei der Gewerbesteuer nicht von einem Großen abhängig machen, sondern die Belastung auf viele Schultern verteilen. Genau das ist in Elmshorn der Fall.

2015/2016 waren Sie an einem Großen dran. Es ging um zehn Hektar. Der dicke Fisch kommt nicht nach Elmshorn. Warum?
Becken: Das ist so bei den Großen. Es gab damals eine Vorentscheidung für Elmshorn. Dann wurde das Management ausgetauscht und die Entscheidung war hinfällig.

Auch die Bestandspflege ist wichtig. Sie besuchen regelmäßig Elmshorner Unternehmen. Wo drücken die Schuhe?
Becken: Das schnelle Internet in den Gewerbegebieten war ein sehr wichtiges Thema. Das hat sich verbessert. Probleme gibt es generell oft mit den Erweiterungsmöglichkeiten von Betrieben und mit der Parkplatzsituation vor Ort. Wir können da ganz oft helfen.

Mit Döllinghareico stand ein Elmshorner Traditionsunternehmen 2016 vor dem Aus. Konnten Sie in diesem Fall helfen?
Becken: Die Einflussmöglichkeiten der Stadt waren begrenzt. Wir waren in Kontakt mit Geschäftsführung und der Eigentümerfamilie, fühlten uns gut informiert. Uns ging es natürlich um den Erhalt der Arbeitsplätze und darum, dass das Unternehmen unter dem Namen Döllinghareico weiter am Standort produziert.

Leerstände in der Fußgängerzone: Wie bewerten Sie die aktuelle Situation?
Becken: Jeder Leerstand schmerzt. Noch gelingt es, relativ schnell Nachmieter zu finden. Das Problem: Viele Gebäude in der Fußgängerzone gehören heute Fonds, die gar nicht in Deutschland sitzen. Die Kommunikation ist teilweise sehr schwierig. In Elmshorn gibt es die AG Citymanagement, die sich mit dem Thema Leerstände intensiv befasst. Ziel ist ein Leerstandsmanagement. Das ist aber sehr teuer und personalintensiv. Wir werden zunächst eine digitale Plattform anbieten, auf die man von außen zugreifen kann. Diese Plattform hilft, sie ersetzt aber kein professionelles Leerstandsmanagement.

Was halten Sie vom Branchenmix in Elmshorn?
Becken: Er ist grenzwertig. Die Handelslandschaft ist im völligen Umbruch. Es wird immer schwieriger, namhafte Unternehmen für Elmshorn zu begeistern. Unser Glück: Wir haben viele gute Geschäfte in der Innenstadt. Mir persönlich fehlen die Nischenläden, wo man etwas entdecken und kaufen kann, was es nicht überall gibt. Das könnte ich mir in der Marktstraße sehr gut vorstellen.

Muss man sich um die Marktstraße Sorgen machen?
Becken: Nein. Sie ist allein optisch eine exzellente Straße. Sie wird immer Bestandteil der Innenstadt bleiben. Vielleicht fehlt ein bisschen der Mut, dort noch mehr gute Geschäfte anzusiedeln.

Fußgängerzonen haben an Reiz verloren. Elmshorn versucht, durch Events die Leute in die Innenstadt zu locken. Mit Erfolg?
Becken: Mit großem Erfolg. Genau das haben wir uns auf die Fahnen geschrieben. Frau Kase vom Stadtmarketing macht da einen exzellenten Job, bespielt das komplette Feld. Der Handel und die Menschen der Stadtregion profitieren davon.

Wie steht es um den Konflikt City und Außenbereich, Stichwort Franzosenhof?
Becken: Das Einzelhandelsgutachten hat da klare Aussagen getroffen. Da draußen ist eine Stadt für sich entstanden. Das Augenmerk wurde in Elmshorn lange Zeit auf den Außenbereich gelegt. Das hat sich geändert. Jetzt steht die Innenstadt im Fokus. Durch den Stadtumbau West bekommt die City noch einen ganz anderen Stellenwert. Sie wird wieder Kommunikationsmittelpunkt.

Der Stadtumbau bietet die Chance, die Attraktivität der City enorm zu erhöhen. Wie werden Sie das nutzen?
Becken: Die Stadt ohne Gesicht bekommt auch durch den Stadtumbau ein Gesicht, nicht nur durch die Marke. Wir sind dabei, potenzielle Hotelbetreiber anzusprechen. Noch reagieren Investoren eher verhalten. Aber es gibt Interessenten. Rathaus, Buttermarkt, die Krückau – und das alles vor der einmaligen Industriekulisse von Peter Kölln. Für die Innenstadt sehe ich eine rosige Zukunft.

Bei aller Euphorie: Haben Sie keine Angst, dass am Ende mitten im Vorzeigegebiet mit den Knechtschen Hallen – sie befinden sich in Privatbesitz – eine Industrieruine steht?
Becken: Nein. Ich habe unglaublich viel Fantasie, was dort entstehen könnte. Ich bin sicher, dass sich eine Lösung findet. Wichtig: Alle Vorhaben müssen sich betriebswirtschaftlich rechnen. Vielleicht finden wir einen Investor, der sich vorstellen kann, oben wunderschöne Loftwohnungen zu bauen. Kultur, ein Hotel und Gastronomie könnten unter dem Dach der Hallen vereint werden. In fünf bis zehn Jahren kann so ein Projekt funktionieren. Noch steht Elmshorn bundesweit nicht im Fokus der Investoren. Daran arbeiten wir. Der Umfang und die Größe des Stadtumbaus in Elmshorn ist in Schleswig-Holstein aber einzigartig. Das werden wir nutzen.
























zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen