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„Zum Anker“ : Wiedereröffnung einer Institution

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Wo schon Mike Krüger und Tony Sheridan auftraten, kommt wieder Schwung in Kneipe am Bahnhof.

shz.de von
erstellt am 30.Apr.2014 | 16:00 Uhr

Elmshorn | Wer heutzutage in die Gastronomie einsteigt, macht in der Regel ein Franchise-Geschäft auf, also ein en Systemgastroladen, in dem es meistens das gleiche gibt wie zwei Ecken weiter. Die Institution Eckkneipe, das zweite Wohnzimmer in der Nachbarschaft, lohnt sich für einen Wirt heute hingegen kaum noch. Völlig gegen den Trend der Zeit also ist es, wenn jemand an verruchter Stelle sein Glück als Wirt einer kleinen Schänke versucht, die der Vorgänger vor einem Monat geschlossen hatte. Diesen Mut besitzt Martin Keibel. Er sagt: „Die Eckkneipe gehört zur Buntheit einer Stadt dazu – ohne geht es nicht.“ „Zum Anker“ nennt er seine Kellerkneipe, die zuletzt „Bei Wolle“ hieß. Neuer Name und ehemalige Vorgänger haben Geschichte in der Stadt. Eröffnung ist heute Abend.

Rustikal und auch ein wenig altmodisch ist sie, die letzte richtige Kneipe inmitten der Elmshorner City. Zwei Stufen vom Gehweg an der Panjestraße geht es runter, knapp 70 Quadratmeter, Ecktresen, der in Teilen aus den Gründungsjahren der Ur-Kneipe der 60er stammt, dazu Tische mit Stühlen, überall stehen Aschenbecher – rauchen ist hier erlaubt. Seit 50 Jahren trifft sich dort der Arbeiter mit dem Angestellten, der Seemann mit der Landratte. Ob arm oder reich – das spielte in den vergangenen fünf Jahrzehnten keine Rolle. Ganz im Gegenteil: Kleine und große Geschichten von Menschen, ihren alltäglichen Dramen, Siegen und Niederlagen werden von der Seele erzählt. „So wollen wir das auch hier handhaben“, erklärt Wirt Keibel. „Ein bisschen ist man ja auch Psychologe.“

In den vergangenen vier Wochen hat er renoviert. Am Tresen wird ihm zukünftig Necati Guguk helfen. Guguk ist ein altbekannter Elmshorner. Vielen noch als Betreiber des „Anker-Imbiss“ am Bahnhof bekannt. Deshalb auch der Name der Kneipe „Zum Anker“. „Wir wollen etwas Tradition aus dem Quartier hier aufleben lassen“, erklärt Keibel. Den Charme der Ur-Kneipe hat er deshalb beibehalten. 70er-Jahre-Bilder, hier und da ein wenig Seemans-Nippes verteilt. Getränke gibt es für schmales Geld. Die Moderne hält natürlich auch Einzug: Fernseher für Bundesliga-Live (Sky) und Dartautomaten für den Zeitvertreib, das Mobiliar ist eine gemütliche Mischung aus allen Zeiten.

Was kaum noch jemand weiß: Die Eckkneipe hat eine interessante Vergangenheit. Anfang der 60er von Seemann Klaus Dahms eröffnet, entwickelte sich der Keller schnell zum beliebten Treff. John Bothmann übernahm in den 70ern bevor er später die Disco „JB-Club“ am Steindamm aufmachte. Als Moravia Kate führte Janos Horvath den Betrieb an der Panjestraße weiter und ließ dort regelmäßig Musik spielen. Mike Krüger, Tony Sheridan, John Law und viele andere später berühmt gewordene Sänger holte er ins „Wohnzimmer“. Zuletzt bewirtete Wolfgang Wegener 17 Jahre lang die Eckkneipe.

Eine Luxus-Kneipe ist jedoch nicht das Ziel der Kneipiers. „Wir sind einfach und günstig“, so Keibel. „Bei uns soll jedermann gern vor Anker gehen.“

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