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Elmshorner Nachrichten

24. August 2017 | 05:22 Uhr

Wie geht es weiter mit der Inklusion?

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Schulrat Dirk Janssen und Jugendamtsleiter Christoph Helms sprechen von neuen Ideen für die Zukunft und äußern ihre Meinung zum Thema

Beim Thema Inklusion äußern die Beteiligten viel Kritik – die wichtigsten Punkte sind im Rahmen dieser Serie schon angeklungen: Schüler würden stigmatisiert, Lehrer seien überfordert und Schulbegleiter nicht ausreichend qualifiziert. Häufig landet diese Kritik bei Dirk Janssen und Christoph Helms. Im Kreis Pinneberg sind sie als Schulrat und als Jugendamtsleiter die ersten Ansprechpartner für die Schulleiter und die Träger der Erziehungshilfen. Gerade arbeiten sie unter Hochdruck an einem Konzept, um die Bedingungen für die Inklusion in Schulen in Zukunft im Kreis neu zu gestalten – und damit auch auf lange Sicht die Kritik verstummen zu lassen.

Ihre Idee: In Zukunft sollte nicht mehr der Förderbedarf jedes einzelnen Kindes in einem aufwendigen Verfahren geprüft werden müssen, damit eine Schule Unterstützung erhält. Vielmehr wollen Janssen und Helms den Förderzentren ein festes, bedarfsgerechtes Kontingent an Schulbegleitungsressourcen zuteilen. „Es ist uns wichtig, dass die Schulen mehr Verbindlichkeit erhalten und dann prüfen, wie weit sie mit dem Personal, das ihnen zur Verfügung gestellt wird, zurecht kommen.“ Das hieße auch, dass die derzeit schon zur Verfügung stehenden Ressourcen von Sonderpädagogik, Schulsozialarbeit, Schulassistenz in die Gesamtbetrachtung zur Deckung des individuellen Bedarfes einfließen sollten.

Janssen und Helms sehen in einem solchen Konzept gleich mehrere Vorteile: Zum einen würde den Kindern nicht von Anfang an der Stempel des „Andersseins“ aufgedrückt und sie hätten erst einmal die Möglichkeit, sich zu entwickeln. „Oft kommt ein Kind schon von der Kindertagesstätte mit dem Hinweis, es gäbe einen erhöhten Förderbedarf“, erklärt Helms. „Nicht selten empfehlen die Lehrer dann den Eltern des Kindes, einen Schulbegleiter zu beantragen, noch bevor sie dieses Kind richtig kennengelernt haben.“ Dabei sei nicht jedes verhaltensauffällige Kind tatsächlich von einer Behinderung bedroht.

„Wenn der Bedarf da ist, können wir immer noch nachsteuern, aber wir müssten nicht in jedem Fall ein riesiges Verfahren anstrengen“, erklärt Helms. „Unser Konzept würde den Förderzentren und den Regelschulen mehr Sicherheit bieten und sie könnten flexibler mit ihren Möglichkeiten arbeiten.“

Sicherlich würde das Konzept auf Dauer auch Geld sparen. Schließlich würde die kostenintensive Bearbeitung im Amt wegfallen. „Aber darum geht es nicht in erster Linie“, sagt Helms. Wenn auf diese Weise weniger Personal benötigt werden würde, könne auch die Qualität der Betreuung verbessert werden. „Denn wenn wir wirklich wollen, dass die Kinder mit Förderbedarf Fortschritte machen und selbstständiger werden, dann benötigen wir auch Fachpersonal für die Schulbegleitung.“

Die Zahl der Kinder, die im normalen Schulbetrieb nicht zurecht kommen, nimmt immer mehr zu, beobachten Janssen und Helms. „Das stellt uns vor massive Probleme, denn das derzeitige System der Schulbegleitungen ist sehr teuer und fachlich nicht besonders gut.“

In Extremfällen gebe es Klassen, in denen drei Kinder mit Schulbegleitern säßen. Dazu kämen unter Umständen neben dem Lehrer noch ein Sonderpädagoge vom Förderzentrum und ein Schulassistent. „Dann stehen also fünf Erwachsene in einer Klasse – vier davon wegen drei Kindern mit Förderbedarf“, sagt Schulrat Janssen kopfschüttelnd.

All diese Ideen sind bislang noch konzeptionelle Vorüberlegungen. Neu dabei ist vor allem, dass die Ressourcen von Jugendamt, vom Sozialamt und Schulamt gebündelt werden, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Der Jugendhilfeausschuss des Kreises hat Janssen und Helms beauftragt, die Details auszuarbeiten. Die beiden arbeiten schon lange eng zusammen. Das führte auch dazu, dass eine Entscheidung des Landessozialgerichts vor zwei Jahren im Kreis Pinneberg kaum zu Kontroversen führte.

Das Gericht hatte entschieden, dass in Zukunft primär die Schulen und nicht die vom Sozialamt bezahlten Schulbegleiter sicherstellen müssen, dass Kinder mit Förderbedarf eine Regelschule besuchen können. In anderen Kreisen haben die Sozialämter daraufhin die Finanzierung von Schulbegleitern praktisch eingestellt – mit gravierenden Folgen für die betroffenen Schulen. „Wir tragen die Verantwortung gemeinsam und gucken nicht nur aufs Geld“, sagt Jugendamtsleiter Christoph Helms. „Es ist uns wichtig, die Probleme nicht auf dem Rücken der Bedürftigen auszutragen“.


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erstellt am 16.Apr.2016 | 16:38 Uhr

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