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Elmshorner Nachrichten

21. Oktober 2017 | 14:50 Uhr

Elmshorn : Wie Dölling mit Krisen umgeht

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Dank einer loyalen Belegschaft hat der Wurstwarenproduzent zwei Miseren überstanden. Insgesamt wurden 260 Mitarbeiter entlassen.

shz.de von
erstellt am 24.Sep.2015 | 10:00 Uhr

Elmshorn | Innerhalb von acht Jahren musste der Wurstwarenproduzent Döllinghareico zwei Krisen bewältigen und insgesamt rund 260 Mitarbeiter in Elmshorn und Lübz (Mecklenburg-Vorpommern) entlassen – fast die Hälfte der Belegschaft. Das lag unter anderem daran, dass sich das Unternehmen aufgrund wegfallender Frischetheken in den Supermärkten verstärkt auf fertig verpackte Produkte konzentrieren musste und auf diesem Markt ein größerer Wettbewerb herrscht. Dazu kamen höhere Rohstoffkosten.

Jetzt, drei Jahre nach der jüngsten Misere, schreibt das Unternehmen wieder schwarze Zahlen. „Unsere Maßnahmen haben Wirkung gezeigt – besonders der Verzicht unserer Mitarbeiter“, sagt Geschäftsführer Andreas Subai. Denn: Nachdem die verbliebenen Mitarbeiter bereits bei der ersten Krise im Jahr 2009 im Rahmen eines Sanierungstarifvertrags auf ihr Weihnachts- und Urlaubsgeld und auf bis zu sechs Prozent ihres Gehalts verzichtet hatten, gab es 2012 bei der zweiten Krise erneute Einschränkungen. Mit fast allen bleibenden Mitarbeitern wurden anstellte von Tarifverträgen Einzelverträge abgeschlossen.

„Die Gewerkschaft war zu einem weiteren Sanierungstarifvertrag nicht bereit“, erklärt Subai. Deshalb sei das Unternehmen mit Zustimmung seiner Mitarbeiter seinen eigenen Weg gegangen. 95 Prozent der Belegschaft stimmten einer 40-Stunden-Woche anstelle einer 38,5-Stunden-Woche zu und verzichteten auf drei Urlaubstage im Jahr. Außerdem wurde das Gehalt der Mitarbeiter der Geschäftsführung, der leitenden Angestellten und der außerbetrieblichen Mitarbeiter reduziert und für alle anderen Mitarbeiter wurde eine geplante Lohnerhöhung ausgesetzt.

„Alle Experten sagten damals, das würden wir nie durchkriegen“, erinnert sich Geschäftsführer Subai. Trotzdem stimmte am Ende fast die komplette Belegschaft den neuen Verträgen zu. Diese wurden über einen Zeitraum von drei Jahren abgeschlossen, der jetzt abläuft. Zwischenzeitlich hat Dölling schon wieder Geld an die Mitarbeiter ausgeschüttet – und zwar in Form von Sonderauszahlungen in Höhe von 200 Euro monatlich. Diese hat das Unternehmen im Jahr 2013 in einem Monat gezahlt, 2014 in drei Monaten und 2015 in vier Monaten. „Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir das machen, sobald wir die Möglichkeit dazu haben“, erklärt Andreas Subai.

Mehr Geld, mehr Urlaub

Dennoch: Zu den ursprünglichen Löhnen und Arbeitsbedingungen kann Döling jetzt, mit Ablauf der Einzelverträge, nicht zurückkehren. Stattdessen haben Geschäftsführung, Betriebsrat und Personalleitung ein Konzept ausgearbeitet, das für 234 der 239 Mitarbeiter eine Gehaltserhöhung von 1000 Euro pro Jahr vorsieht. „Das sind bis zu 4,5 Prozent mehr Lohn für die gewerblichen Mitarbeiter und 1,5 bis 2 Prozent für die leitenden Mitarbeiter“, erklärt Subai.

Zusätzlich wird der Urlaub wieder auf 30 Tage hochgesetzt, die 40-Stunden-Woche aber bleibt und auch das Weihnachts- und Urlaubsgeld, das seit der ersten Krise im Jahr 2008 nicht mehr gezahlt wird, kommt nicht zurück.

„Hätten wir die alten Bedingungen wieder einführen wollen, hätte uns das 1,5 Millionen Euro mehr gekostet“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Jürgen Beckmann. „Das kann sich das Unternehmen nicht leisten.“ Dafür allerdings sichert Geschäftsführer Andreas Subai seinen Mitarbeitern zu, dass das Unternehmen auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet. „Für die Menschen ist ein sicherer Arbeitsplatz wichtiger als ein bisschen mehr Geld“, sagt er.

100 Prozent haben unterschrieben

Mit der Reaktion der Belegschaft, die dann kam, hatte aber auch Subai nicht gerechnet: 100 Prozent derjenigen, denen das neue Konzept unterbreitet worden war, unterschrieben. „Das ist deutschlandweit einmalig, dass die Mitarbeiter auch nach zwei Krisen noch so loyal zu ihrem Unternehmen stehen“, erklärt Subai. Er sieht in dieser Reaktion vor allem einen Vertrauensbeweis für den Betriebsrat und die Entscheidungen der Personalleitung und der Geschäftsführung, aber auch eine Hommage an Claus und Peter Dölling.

Die Zwillingsbrüder haben das Unternehmen 1972 als große Metzgerei von ihrem Vater in dritter Generation übernommen und eine Fabrik daraus gemacht. „Das war damals der goldrichtige Zeitpunkt“, sagt Subai. „Denn in den 80er Jahren eröffneten die großen Supermarktketten und industriell gefertigte Lebensmittel wurden auf einmal nachgefragt.“ Vor allem aber seien die Gebrüder Dölling sehr fürsorglich und anständig ihren Angestellten gegenüber gewesen. „Das dankt die Belegschaft ihnen heute noch“, meint Subai.

Peter Dölling hat 2002 seine Anteile an zwei der drei Kinder von Claus Dölling, Carola und Ole Dölling, abgetreten. Jetzt hält Claus Dölling die Hälfte von Döllinghareico und seine Kinder je ein Viertel. Carola und Ole Dölling waren auch zwischenzeitlich in das Unternehmen eingestiegen. Ende 2013 und Ende 2014 haben sie jedoch das operative Geschäft verlassen. Seitdem ist Andreas Subai Geschäftsführer von Döllinghareico. „Es handelt sich aber immer noch um ein Familienunternehmen“, betont Subai, „nur, dass es nicht mehr inhabergeführt ist.“

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