Sonder-Katastrophenschutzplan : Wie der Kreis Pinneberg sich gegen Strom-Chaos wappnet

Die Stromversorgung nimmt eine zentrale Rolle ein. Bricht sie zusammen, kommt das öffentliche Leben zum Erliegen.
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Die Stromversorgung nimmt eine zentrale Rolle ein. Bricht sie zusammen, kommt das öffentliche Leben zum Erliegen.

Umfangreiches Papier der Kreisverwaltung: Bevölkerung soll für die Folgen eines Stromausfalls sensibilisiert werden.

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24. Januar 2018, 10:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Es ist ein Horrorszenario: Die Trinkwasserversorgung bricht zusammen, Lebensmittel werden knapp, Altenheime müssen evakuiert werden, aber es gibt nicht einmal Kraftstoff für Rettungsfahrzeuge... Dieses Chaos, das hier geschildert wird, hat einen Namen: Stromausfall. Und es ist durchaus real, meinen die Verantwortlichen in der Pinneberger Kreisverwaltung. Um sich dagegen zu wappnen, haben sie Grundlagen eines gesonderten Katastrophenschutzplans erarbeitet.

Noch nie war die Abhängigkeit der Menschen von einer sicheren Stromversorgung größer als heute. Und das betrifft außer Kraftstoff- und Trinkwasserpumpen eben auch Computer, ohne die praktisch nichts mehr geht. Doch auch der Straßen- und der Schienenverkehr sowie der Mobilfunk würde ohne Strom nahezu komplett zusammenbrechen. Wie schnell selbst ein Stromausfall von nur knapp vier Stunden massive Probleme verursachen kann, bekamen rund 20.000 Menschen im April in Elmshorn zu spüren: Ampeln, Kassen, Lebensmittelkühlungen, Benzinzapfsäulen, Küchengeräte und Computer fielen aus.

Die Frage: Wann kommt es zum Stromausfall? Nicht nur deshalb gibt es für die Verwaltung keinen Zweifel, dass Vorkehrungen für den Fall eines Stromausfalls getroffen werden müssen: „Experten zufolge ist es nicht eine Frage, ob es zu einem langanhaltenden und flächendeckenden Stromausfall kommen wird, sondern wann.“ Ziel müsse es deshalb sein, die Folgen für die Bevölkerung sowie die öffentliche Sicherheit und Ordnung so gering wie möglich zu halten. Damit es zu möglichst geringen Auswirkungen kommt, wird, federführend von der Kreisverwaltung, im Kreis Pinneberg ein Sonder-Katastrophenschutzplan erarbeitet. 

Die Einsatzleitung hat im Katastrophenfall die Kreisverwaltung als untere Katastrophenschutzbehörde mit Landrat Oliver Stolz an der Spitze. Städte und Dörfer werden in die Katastrophenabwehr einbezogen. Zudem soll die Bevölkerung selbst Vorkehrungen treffen. So unterstützt der Kreis den Rat des Bundesamts für Bevölkerungs- und Katastrophenschutz, dass in jedem Haushalt Vorräte an Getränken und Lebensmitteln für 14 Tage vorhanden sein sollen. Für die Bürger sollen sogenannte Katastropenschutzleuchttürme  an sechs Standorten – Elmshorn, Pinneberg, Barmstedt, Uetersen, Wedel, Quickborn –  geschaffen werden. Geplant ist, die Gebäude mit Notstrom und Digitalfunk auszustatten. Zudem sollen dort im Krisenfall Sanitätsdienste bereitstehen.  Ursachen für einen großflächigen Stromausfall  können technische Probleme und Naturkatastrophen sein.

Vier Phasen des Stromausfalls

Der zuständige Fachdienst Sicherheit und Verbraucherschutz der Kreisverwaltung geht anhand einer Studie von vier möglichen Phasen des Stromausfalls aus:

  • Phase eins: Unmittelbar nach Beginn des Stromausfalls: Verkehrsunfälle auf Grund ausgefallener Ampeln, Personen in stecken gebliebenen Aufzügen, festsitzende Fahrgäste in stehenden S-Bahnen, Eingang von automatischen Brand- und Einbruchalarmen bei Polizei und Feuerwehr... Zudem ist in dieser Phase mit einer Überlastung der noch funktionierenden Bereiche des Telekommunikationsnetzes zu rechnen. Zahlreiche Notfallmeldungen und Anrufe besorgter Menschen blockieren die Notrufleitungen. Fernsehen, Radio (Ausnahme: batteriebetriebene Radios) und elektrisches Licht funktionieren ebenso wenig wie elektrische Türsteuerungen und andere elektrische Steuer- und Regelungstechnik; egal ob im Privathaushalt oder in Betrieben.
  • Phase zwei: Zwei bis acht Stunden nach Eintritt eines Stromausfalls: Die Auswirkungen der nicht mehr funktionierenden Geräte aus Phase eins stellen sich nach und nach ein. So machen sich beispielsweise ausgefallene Heizungen bemerkbar, die Wasserversorgung in Gebäuden bricht auf Grund der ausgefallenen Druckerhöhungsanlage zusammen, in Einrichtungen ohne eigene Notstromversorgung ist die Zubereitung von warmen Mahlzeiten (zum Beispiel in Alten- oder Pflegeheimen) nicht mehr oder nur noch eingeschränkt möglich. Hilfsbedürftige Menschen können auf Grund der eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten eventuell weder Rettungsdienste, noch Polizei oder Feuerwehr verständigen.
  • Phase drei: 8 bis 24 Stunden nach Eintritt des Stromausfalls: Ab acht Stunden Stromausfall kann bereits von „katastrophenähnlichen Zuständen“ gesprochen werden. So machen sich hier erste Auswirkungen auf den Verkehr bemerkbar, da auch die Tankstellen in der Regel nicht notstromversorgt sind und somit ausgefallen sind. Ebenso werden in dieser Zeit die Vorräte für kleinere Notstromaggregate aufgebraucht sein, so dass die Gefahr des Ausfalls auch der davon abhängigen Geräte besteht. Die Versorgung dieser Geräte mit ausreichend Brennstoff wird dann ebenfalls zum Problem werden. Spätestens in dieser Phase ist die Kühlung von Kühlprodukten wie Lebensmitteln in Haushalten und Verkaufsstellen oder Medikamenten zum Beispiel bei Apotheken und Ärzten nicht mehr aufrecht zu erhalten, so dass diese verderben.
  • Phase vier: 24 Stunden und länger Stromausfall: Hier verschlimmert sich die Situation allgemein. In Altenheimen ohne Notstromversorgung wird eine Evakuierung unumgänglich. Die Studie kommt außerdem zu dem Ergebnis, dass nach 24 Stunden Schäden für die Infrastrukturen eintreten. Zur Abwehr all dieser drohenden Gefahren ist aus Sicht der Kreisverwaltung eine Notfallplanung unter Berücksichtigung der örtlichen Begebenheiten und in Zusammenarbeit mit örtlichen Einrichtungen und Organisationen nötig. 

Das Fazit der Katastrophenschützer der Kreisverwaltung: „Es erscheint nahezu unmöglich, sich umfassend auf einen langanhaltenden, flächendeckenden Stromausfall vorzubereiten. Mit den gewonnenen Erkenntnissen soll jedoch ein Anfang gemacht und insbesondere auf allen Ebenen sensibilisiert werden.“ Am Donnerstag befassen sich die Mitglieder des Ausschusses für Umwelt, Sicherheit und Ordnung des Kreistags mit dem Sonder-Katastrophenschutzplan.

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