Wenn Krankheit Alltag wird

Antje Thiel mit ihrem Buch „In guten wie in schlechten Werten“.
Antje Thiel mit ihrem Buch „In guten wie in schlechten Werten“.

Die Elmshorner Journalistin Antje Thiel hat ein Buch für die Auswirkung von Diabetes auf Familien geschrieben

von
29. Juni 2018, 16:00 Uhr

Peter Struck ist ein echter Süßschnabel. Zu Kuchen und Desserts kann er einfach nicht nein sagen. Doch Struck leidet unter Typ-2-Diabetes, die er lange Jahre vernachlässigte – bis er 2014 einen Schlaganfall erlitt. Seitdem verfolgt seine Frau Birgit die Angst, ihr Mann könne erneut einen Schlaganfall bekommen. Sie drängt zur Disziplin, kontrolliert das Auto auf Kuchenkrümel und stellt ihren Mann zur Rede. Der betitelt seine Frau spitz als seinen „General“ – was Birgit Struck wiederum verletzt.

Das Ehepaar Struck ist nur ein Beispiel dafür, wie die Diagnose Diabetes eine Beziehung, ja eine ganze Familie vor Herausforderungen stellen kann. Die Elmshorner Medizin-Journalistin Antje Thiel hat diesem Thema ein ganzes Buch gewidmet. Unter dem Titel „In guten wie in schlechten Werten“ hat sie 15 Paare und Familien in ganz Deutschland besucht und portraitiert. Sie lässt Lebenspartner, Kinder und Eltern von Menschen mit Diabetes zu Wort kommen, erzählt von Streit und Herausforderungen, aber auch von Unterstützung und Halt. Abgerundet wird das durch die fachliche Sicht: Der Diabetologe Dr. Jens Kröger und der Psychologe Professor Bernhard Kulzer beleuchten die Mechanismen hinter den Geschichten und geben Ratschläge, um den Alltag zu erleichtern.

Entstanden ist die Idee zu dem Buch im Rahmen einer Recherche. Antje Thiel schrieb im Auftrag des Fachmagazins „Fokus Diabetes“ über eine Studie, die sich zum ersten Mal überhaupt mit den Belastungen des Diabetes für Angehörige befasste. „Ich habe damals nach Büchern zu dem Thema gesucht und schnell festgestellt, dass es zwar viel Literatur zum ,technischen’ Umgang mit Diabetes gibt – aber nichts darüber, was er persönlich und emotional für die Betroffenen und Angehörigen bedeutet.“

Dabei leiden in Deutschland etwa sechs Millionen Menschen an Typ-1- oder Typ-2-Diabetes, fast acht Prozent der Bevölkerung. „Schon die Diagnose ist für viele ein Schock“, sagt Thiel. „Schließlich geht Diabetes nie wieder weg – und er beeinträchtigt den Alltag enorm.“ Sei es das Spritzen von Insulin bei der Arbeit, das launische Verhalten der Kranken bei Unterzuckerung, das deutlich erhöhte Risiko von Folgeerkrankungen oder die Weigerung eines Erziehers, ein betroffenes Kind zu betreuen – durch Diabetes verändert sich das Leben. Thiel weiß das selber nur zu gut, vor acht Jahren wurde bei ihr Typ-Eins-Diabetes diagnostiziert. „Mein Mann war mir vor allem in der Anfangszeit eine enorme Stütze.“, sagt Thiel heute. „Aber ich weiß, dass es viele andere nicht so leicht haben – da soll mein Buch helfen.“ Schließlich lerne man leichter und lieber aus den Geschichten anderer Betroffener.

Gefunden hat Thiel die Familien für ihr Buch über einen bekannten Diabetologen, über Internetforen, ihren eigenen Blog und die früheren Recherchen zum Thema. „Alle haben sich freiwillig für das Buchprojekt gemeldet und sind auch mit Foto abgebildet“, sagt die Journalistin. „Nur einige Namen habe ich auf Wunsch geändert.“ Zum Beispiel von dem Mann, der ihr von sexuellen Funktionsstörungen erzählt hat, die der Diabetes mit sich bringen kann. „Das ist ein sehr privates Thema.“ Oft habe sie sich bei den Interviews auch wie bei einer Therapiesitzung gefühlt. „Die Menschen haben oft zum ersten Mal offen mit ihrem Partner über ihre Gefühle gesprochen. Peter Struck hat im Gespräch mit mir seiner Frau zum Beispiel zum ersten Mal gesagt, dass er ihr auch dankbar für ihre Fürsorge ist. Viele sagten auch, das Gespräch mit mir hätte ihnen gut getan oder dass sie sich gewünscht hätten, dass es dieses Buch schon früher gegeben hätte. Das sind auch für mich sehr emotionale Momente.“

Einmischen oder heraushalten – das ist ein Schwerpunkt in Thiels Buch. Ein anderer ist die fehlende Unterstützung für Familien im Alltag. Auch ein Paar aus Herzhorn hat Thiel seine Geschichte erzählt, er ist seit einem Schlaganfall als Folge der Diabetes halbseitig gelähmt und kann nicht mehr sprechen, seine Frau muss Therapie und Pflege organisieren – und fühlt sich oft alleine gelassen. Gedacht hat Thiel ihr Buch in erster Linie für Menschen, die ihre Diagnose erst seit relativ kurzer Zeit haben, damit sie sich nicht mehr so alleingelassen fühlen müssen.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen