Elmshorn : Wenn Erinnerung zur Aufgabe wird

Elmshorns Gleichstellungsbeauftragte Maren Schmidt moderierte den 29. Elmshorner Frauenempfang im Kollegiumssaal des Rathauses.
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Elmshorns Gleichstellungsbeauftragte Maren Schmidt moderierte den 29. Elmshorner Frauenempfang im Kollegiumssaal des Rathauses.

Frauenempfang in Elmshorn zum Thema Kriegsenkel: 200 Besucher im Kollegiumssaal. Intensive Vorträge und Diskussionen.

shz.de von
26. Januar 2015, 16:00 Uhr

Elmshorn | „Männer kennen keinen Schmerz“, „Du musst dich zusammenreißen“, „Mit Essen spielt man nicht“, solche und ähnliche Sprüche kennen viele von ihren Eltern. Sie stehen symbolisch für eine Haltung. Sie spiegeln wieder, wie Eltern mit ihren Kindern umgehen. Und woher haben die Eltern das? Wiederum von ihren Eltern, und schon ist man beim Nachdenken über die eigene Geschichte, über das eigene Befinden im Zweiten Weltkrieg gelandet, bei der Katastrophe, die viele deutsche Biografien beschädigt hat.

Und diese Beschädigung wirkt fort: Die heute 40- bis 60-Jährigen sind die Generation der Kriegsenkel und -enkelinnen. Sie standen im Fokus des 29. Elmshorner Frauenempfangs, der am Sonntag im Kollegiumssaal stattfand. Selten haben wohl so viele Redner bei einem offiziellen Anlass vor rund 200 Gästen – darunter ungewöhnlich viele Männer, knapp ein Dutzend – so persönlich gesprochen. Detlef Witthinrich-Kohlschmitt, Vorsitzender des Elmshorner Gleichstellungsausschusses, erinnerte sich an seine Kindheit als „Flüchtlingskind mütterlicherseits“ in einer Familie, die viele Kriegseinflüsse erlitt – aber über den Krieg sei nicht gesprochen worden. Stadtrat Dirk Moritz berichtete von einem Besuch bei einem alten Ehepaar, das Nützliches und Unnützes in seiner Wohnung hortete, alles aus Angst, es könne wieder Mangel herrschen. Hauptrednerin Anne-Ev Ustorf erzählte, dass ihre Eltern beide 1945 geboren wurden; ihre Großmütter hätten ihre Schwangerschaften im Luftschutzkeller verbracht.

In der Psychologie ist inzwischen bekannt, dass sich Traumata vererben; transgenerationale Weitergabe heißt das. „Kinder spüren verschwiegene Traumata“, stellte Anne-Ev Ustorf klar. Die 40 Jahre alte Journalistin erfuhr bei der Behandlung ihrer eigenen Depression die „symbiotische Verstrickung in die Geschichte der Eltern“. Sie recherchierte, interviewte viele Frauen und schrieb ein Buch über die Kriegsenkelinnen. Ein Motiv, das in vielen ihrer Gespräche immer wieder auftauchte: Eltern konnten die Liebe zu ihren Kindern nicht zeigen; Gefühle zuzulassen oder gar über sie zu sprechen hätten viele zu Hause nicht gelernt.

Mit dem Thema hatte Organisatorin Maren Schmidt, Gleichstellungsbeauftragte im Elmshorner Rathaus, offenbar einen Nerv getroffen. Noch während Ustorfs Vortrag bildeten sich Grüppchen, in denen die Frauen eigene Erfahrungen zum Thema austauschten; üppiger Applaus machte deutlich, dass die Journalistin wichtige Punkte benannt hatte.

Ausstellung „Bausteine des Erinnerns“ eröffnet

Die Kriegsenkelinnen sollen Elmshorn weiter beschäftigen: Beim Frauenempfang wurde die Ausstellung „Bausteine des Erinnerns“ eröffnet. Sinnsprüche, Gedichte oder Ermahnungen sind auf Blättern und Plakaten gesammelt: „Mädchen, die pfeifen und Hühnern, die krähen/muss man beizeiten die Hälse umdrehen“ zum Beispiel. Die Ausstellung soll weiter wachsen, auf den Tischen lagen Zettel und Stifte für eigene Beiträge bereit. Bis Mitte Februar wird sie im Rathaus zu sehen sein, danach soll sie an weiteren Orten gezeigt werden.

Die Elmshorner Sängerin Anne Haentjens wird das Thema im März in einer Revue bearbeiten, im Juni soll eine Stadtführung mit dem Themenschwerpunkt Krieg durch Elmshorn führen. In Workshops können Frauen ihre eigene Biografie erkunden oder den Umgang mit betroffenen Patientinnen oder Klientinnen lernen.

Die heutige Generation kann die Verarbeitung nachholen, die in Krieg und Nachkriegszeit unterblieb, als es darum ging, zu überleben, satt zu werden und später Deutschland wieder aufzubauen. „Nach 70 Jahren Frieden haben wir die Chance, uns auseinanderzusetzen.“ Bei allem kritischen Umgang mit den eigenen Eltern und Großeltern erinnerte Anne-Ev Ustorf an die andere Seite der Geschichte: „Wir haben dieser Generation auch viel zu verdanken.“

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