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"Menschen am Montag" : Wenn die Sucht das Leben bestimmt

vom

Kai Göhring aus Elmshorn hat seine jahrelange Alkohol- und Cannabis-Sucht überwunden. Heute erfüllt ihn die künstlerische Fotografie.

shz.de von
erstellt am 06.Mai.2013 | 08:46 Uhr

Elmshorn | In dieser Rubrik stellen wir Menschen vor, die in der Region Elmshorn leben und/oder hier berufstätig sind. Sie erlauben Einblicke in ihr Leben und sind unsere "Menschen am Montag".

Für Kai Göhring hat sich das Leben endlich zum Besseren gewendet: Seit vergangenem Jahr hat der Hobby-Künstler als Fotograf eine neue Erfüllung gefunden. Göhring ist zudem Fährmann in Kronsnest und engagiert sich beim Kinderschutzbund. Doch die dunklen Schatten seiner Vergangenheit lassen den 47-Jährigen Elmshorner noch immer nicht los.

Die schlechten Erfahrungen mit dem Leben ziehen sich wie ein roter Faden durch Kai Göhrings Geschichte. Bereits in frühester Kindheit widerfuhren ihm grausame Dinge: "Ich habe seelischen, körperlichen und sexuellen Missbrauch erlebt. Schon als Kind hatte ich Selbstmordgedanken", erzählt der Elmshorner, der noch heute unter posttraummatischen Störungen leidet (PTBS). Sein gewalttätiger Vater verließ die Familie bereits früh. Seine Mutter hat ihm den lockeren Umgang mit dem Alkohol vorgelebt und sich immer wieder bis zum Kontrollverlust betrunken. "Ich musste ihr dann als Psychologe dienen", sagt Göhring. Er wollte für sich trotzdem ein normales Leben in Angriff nehmen. Doch nach Realschule und Lehre verfiel der Elmshorner in Depressionen. "Mittels Selbstmedikation wollte ich mich besserfühlen." Gemeint waren Alkohol und Cannabis. Leicht zu beschaffende Drogen, die allerdings einiges kosten. "Von da an ging es abwärts bei mir. Statt die Depressionen zu lindern hat der Cannabis-Konsum sie nur noch verstärkt", sagt er heute. Göhring verlor seine Wohnung, weil er Miete und Strom nicht mehr zahlen konnte. Er musste also zurück nach Hause. "Ich habe da auf einer Matratze imFlur geschlafen, weil meine drei drogenabhängigen Geschwister auch schon wieder zu Hause lebten."

Irgendwann bekam Göhring dann einen Job bei einem Hamburger Druckvorlagen-Studio. Hier hatte er erstmals das Gefühl, glücklich zu sein und in seiner Arbeit aufzugehen. Doch weiterhin ließen ihn Alkohol und Cannabis nicht los. Seine Sucht sorgte dafür, dass er auch diesen Job verlor. "Dann habe ich aber das Glück gehabt, die Mutter meiner Söhne kennenzulernen", erzählt er stolz. Die Geburt seiner heute 17- und 19-jährigen Söhne sollten das persönliche Glück vollenden. Doch weiterhin ließen ihn die Drogen nicht los. "Ich wollte den Weg der Liebe gehen, habe aber dann leider meine Lebensgefährtin und auch meine Söhne geschlagen." Das sich selbst zu verzeihen, hat fast 17 Jahre gedauert. Nach der Trennung von seiner Frau schwor er zwar dem Alkohol ab, stieg aber voll auf Cannabis um. 20 bis 30 Joints am Tag waren "fast Nahrungsmittelersatz für mich. Es hat gedauert, bis ich begriffen habe, dass meine Depressionen und posttraummatischen Belastungsstörungen erst dann behandelt werden können, wenn ich eine Entgiftung und erfolgreiche Therapie hinter mir habe." Sieben Mal musste er in die Entgiftung, unter anderem in der Fachklinik in Bokholt-Hanredder, die letzte war vor drei Jahren.

Im vergangenen Jahr kaufte sich Göhring dann eine kleine Foto-Kamera und geht seitdem in dem Hobby der Fotografie auf. "Kunst und Kamera haben mich in die Abstinenz gerettet und mich zu einem zufriedenen Menschen gemacht", sagt er heute. Seine Kunst entsteht dabei am Computer: Er verändert die Fotos mittels Software dabei so, dass sie ein völlig neues Bild ergeben. "Mein Motiv ist mein Schatten, denn er symbolisiert den Süchtigen." Bisher konnte er seine Bilder nur auf seiner Facebook-Seite "Kai Göhrings Bilderwelt" präsentieren. Im Herbst soll es dann aber erstmals eine richtige Ausstellung seiner Werke im Café der Elmshorner Brücke geben. Damit er seine künstlerische Arbeit noch verbessern kann, wünscht sich Göhring eine neue Spiegelreflex-Kamera.

Außer in der Kunst engagiert er sich etwa beim Kinderschutzbund. Auch in seiner Selbsthilfegruppe findet er Anerkennung. "Da bin ich jetzt zum stellvertretenden Gruppenbegleiter gewählt worden - darauf bin ich sehr stolz", sagt er. Bereits seit mehreren Jahren ist Göhring zudem Fährmann in Kronsnest. "Dieser Nebenberuf erfüllt mich mit Stolz und Glück." Seit dem 1. Mai, ist die Fähr-Saison wieder losgegangen. "Da bin ich dann am Wochenende anzutreffen."

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