Wenn die Schule zur Qual wird

Für Kinder mit Legasthenie oder Dyskalkulie kann der Schulunterricht zur Qual werden.
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Für Kinder mit Legasthenie oder Dyskalkulie kann der Schulunterricht zur Qual werden.

Bis zu zwei Kinder pro Klasse haben statistisch gesehen eine Lese-Rechtschreib-Schwäche / Auch Dyskalkulie ist ein großes Problem

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26. Januar 2018, 16:02 Uhr

Legastheniker müssen jeden Tag aufs Neue mit den Buchstaben kämpfen. Betroffene Schüler verdrehen oder vergessen Buchstaben und verstehen Textinhalte nicht richtig. Für Kinder, die unter Dyskalkulie leiden, ist der Mathematikunterricht eine unüberwindbare Hürde. Sie zählen bei jeder Addition mühsam ab und müssen sich bei den Grundrechenaufgaben enorm anstrengen.

„Das größte Problem bei Legasthenie und Dyskalkulie ist das Gefühl des Versagens“, sagt Karin Korff, pädagogische Koordinatorin an der KGSE. „Wenn ein Schüler im Unterricht immer nur Misserfolge erlebt, zeigt er schnell Schutzreaktionen und wird entweder aggressiv oder sehr in sich gekehrt.“ Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie geht davon aus, dass in Deutschland vier Prozent der Schüler von einer Legasthenie betroffen sind – Jungen dabei deutlich häufiger als Mädchen. Probleme mit dem Lesen und der Rechtschreibung haben deutlich mehr. Ursachen können Sprachentwicklungsverzögerungen, Hörverarbeitungsstörungen, traumatische Erlebnisse, genetische oder neurologische Ursachen sein.

Für den Umgang mit Legasthenie gibt es vom Gesetzgeber klare Vorgaben. Ein Erlass vom 3. Juni 2013 des Landes Schleswig-Holstein sieht vor, dass Schüler mit mangelhaften Rechtschreibleistungen in der vierten Klasse einem standardisierten Rechtschreibtest unterzogen werden. Ist das Ergebnis unterdurchschnittlich und ist gleichzeitig das Ergebnis eines Intelligenztests mindestens durchschnittlich, wird von der Schule eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) anerkannt (siehe Kasten links). Denn Legasthenie hat wie auch Dyskalkulie nichts mit Intelligenz zu tun. Während bei einer Dyskalkulie höchstens Fördermaßnahmen im Rahmen des Unterrichts vorgesehen sind, können anerkannte Legastheniker auch bei Prüfungen Ausgleichsmaßnahmen wie längere Bearbeitungszeiten in Anspruch nehmen. Unter Umständen wird die Rechtschreibung sogar ganz aus der Benotung herausgenommen.

Was die Förderung von Schülern mit LRS betrifft, gehen die Elmshorner Schulen unterschiedlich vor. In der Friedrich-Ebert-Grundschule zum Beispiel gibt es bereits ab der zweiten Klasse einmal wöchentlich in der fünften Stunde eine Förderung für Kinder, bei denen ein Verdacht auf LRS besteht.

Karin Korff, pädagogische Koordinatorin an der KGSE, beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit der Förderung von Kindern mit LRS. In jeder Klasse der KGSE gibt es vier bis sieben Kinder mit Lese-Rechtschreibschwäche, an der Bismarckschule sind es dagegen gerade einmal 20 – möglicherweise auch durch die Schulform bedingt. Korff glaubt, dass die Zahl an der KGSE auch deshalb so hoch ist, weil sich herumgesprochen hat, dass Kinder mit LRS an der KGSE besonders gefördert werden. Die 63-Jährige hat ein Programm entwickelt, bei dem nicht einfach nur Rechtschreibung gepaukt wird, sondern den Schülern von ihren Deutschlehrern Methoden an die Hand gegeben werden, wie sie Wörter richtig aufbauen. „Schüler haben Probleme, sich Wortbilder zu merken“, erklärt sie. „Deshalb schreiben sie Wörter jedes Mal anders.“

Mit Hilfe von bestimmten Taktiken seien die Kinder in der Lage,das zumindest teilweise auszugleichen. Schüler mit besonders großen Problemen bekommen zweimal in der Woche in der Mittagspause eine Viertelstunde lang Einzelförderung. Mehr nicht, damit die Förderung von den Kindern nicht als Bestrafung und zusätzliche Belastung empfunden wird. „Vor allem ist es wichtig, den Schülern ihr Selbstvertrauen zurück zu geben“, sagt Korff. Finanziert wird das Programm durch eine Stiftung und den Förderverein, Eltern tragen nur einen kleinen Anteil. Der Erfolg gibt Korff recht: Viele Schüler schaffen trotz LRS das Abitur.

Aus dem selben Grund, warum die Förderung an der KGSE möglichst kurz gehalten wird, bietet die Anne-Frank-Schule keine LRS-Förderstunden zusätzlich zur Förderung im Unterricht an. In der Bismarkschule hat die LRS-Beauftragte Anna Guttmann dagegen gute Erfahrungen mit Förderunterricht in der siebten Stunde gemacht. „Gerade die Fünft- und Sechstklässler sind richtig heiß darauf, weil sie schnell Erfolge sehen“, sagt Guttmann. „Wir machen viele spielerische Übungen, damit die Kinder motiviert bleiben.“ Nach und nach lernten die Schüler, ihre Probleme zu minimieren – und auf Stärken in anderen Bereichen zu setzen.

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