Wenn das ganze Land still steht

Volleyballerin Silvia Boyens lebte 28 Jahre in Brasilien. Mittlerweile wohnt sie mit ihrer Familie in Seestermühe.
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Volleyballerin Silvia Boyens lebte 28 Jahre in Brasilien. Mittlerweile wohnt sie mit ihrer Familie in Seestermühe.

Volleyballspielerin Silvia Boyens hat im letzten Vorrundenspiel Frieden mit den Brasilianern geschlossen

shz.de von
29. Juni 2018, 12:33 Uhr

Silvia Boyens hat sich beim letzten Vorrundenspiel der Brasilianer gegen Serbien mit ihrer Mannschaft versöhnt. „In den beiden ersten Spielen hat mich geärgert, wie arrogant und teilweise überheblich die Spieler aufgetreten sind“, fasst die 52-jährige mit brasilianischen Wurzeln ihren Groll in Worte. „Sie verdienen Millionen und spielen für ein Land, das fast zur Hälfte in Armut lebt. Vier Prozent der Bevölkerung Brasiliens leben sogar unter der Armutsgrenze. Und die spielten Standfußball.“

Am meisten störte sie die Theatralik der Fußballer um Superstar Neymar & Co. „Ich war richtig wütend, wenn ich gesehen habe, wie sie sich erst auf dem Boden wälzten und scheinbar nicht mehr spielfähig waren und dann aufsprangen, um über die Schiedsrichter zu maulen. Aber das haben sie zum Glück im späteren Turnierverlauf zurückgefahren.“

Die Seestermüherin lebte bis zu ihrem 28. Lebensjahr in Brasilien. Sie wuchs zweisprachig – deutsch und portugiesisch – auf und spielte bereits in ihrer Heimat erfolgreich Volleyball. Nach dem Informatikstudium wollte sie nur ein bis zwei Jahre in Europa arbeiten, um ihre Berufschancen zuhause zu verbessern. Ihre erste Anlaufstelle in Deutschland war Volkswagen in Wolfsburg. Hier spielte sie auch das erste und einzige Mal in der Landesliga Volleyball. Danach zog sie nach Hamburg, spielte zunächst in der Verbandsliga und später auch in der zweiten Bundesliga. Aktuell ist sie Mittelblockerin im Regionalligateam der VG Elmshorn. Gemeinsam mit ihrem Mann Gunnar, ihrer Tochter Kiara (13) und ihrem Sohn Kjell (11) zog sie ins Elmshorner Umland und so wurden aus zwei Jahren bereits 24.

Ihre Beziehung zu Brasilien blieb eng, sie fährt regelmäßig dorthin in den Urlaub. „Fußball ist dort vor Volleyball Sportart Nummer eins. Man kann jederzeit auf einem Sender Fußball sehen“, erklärt Boyens. „Wenn das Nationalteam spielt, steht das ganze Land still. Dann sind die Straßen leer und jeder verfolgt die Fernsehübertragung. Das führt auch dazu, dass auf Neymar ein enormer Druck herrscht. Die Brasilianer erwarten von ihm, dass das Team Weltmeister und er der erfolgreichste Torschütze wird.“ Doch auch 2018 wurden die Erwartungen der Südamerikaner nicht erfüllt.

Gleichzeitig sieht Boyens die Fußball-Begeisterung in ihrem Heimatland kritisch: „Viele jüngere Menschen durchschauen, dass Fußball genutzt wird, um die aktuellen Probleme in den Bereichen Gesundheit oder Bildung herunterzuspielen. Und sie äußern inzwischen ihre Kritik an den Politikern und Funktionären offen. Aber die Medien, vor allem die Zeitungen sind voll damit.“

Beim Vorrundenspiel gegen Serbien hat Boyens beobachtet, dass die massive Kritik aus der Heimat bei den Spielern angekommen ist. „Sie haben ein gutes Spiel gemacht“, befindet sie. „Sie haben schnell nach vorne gespielt und Druck auf die Gegner aufgebaut. Und sie haben das Gejammer und Gemecker weggelassen.“ Das Ausscheiden im Viertelfinale gegen Belgien (1:2) konnten die Brasilianer trotz einer engagierten Leistung aber nicht abwenden.

Boyens hat nach eigenem Bekenntnis zwei Herzen in ihrer Brust und war auch über das deutsche Aus total enttäuscht. Was die Berichterstattung im Fernsehen angeht, war sie nicht nur auf Brasilien fixiert: „Ich habe mir auch gerne die Spiele von Portugal, Spanien und Schweden angeschaut.“ In der letzten WM-Woche wird sich die Boyens wohl oder übel einen anderen Favoriten aussuchen müssen.

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