zur Navigation springen
Elmshorner Nachrichten

13. Dezember 2017 | 22:11 Uhr

Wenn das Erinnern leichter wird

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Diakonie In einer Trauergruppe lernen Kinder, über ihre verstorbenen Eltern und Geschwister zu sprechen und die Trauer zuzulassen

shz.de von
erstellt am 12.Jun.2017 | 17:08 Uhr

Es ist ungefähr ein Jahr her, seit der Vater der Zwillinge Giuliano und Gianluca gestorben ist. „Das war ganz plötzlich“, sagt der 10-jährige Giuliano. „Die Hauptschlagader ist geplatzt – und auf einmal war Papa tot.“

Dass die beiden Jungen so offen über den Tod ihres Vaters sprechen, war nicht immer so. Und manchmal ist es auch jetzt noch schwierig, sagt Gianluca. Die Zwillinge sitzen mit Trauerbegleiterin Sandra van Lengen und zwei anderen Kindern in einem Raum im vierten Stock des Kirchlichen Zentrums in Elmshorn. Immer donnerstags bietet die Diakonie Rantzau-Münsterdorf hier eine Trauergruppe für Zehn- bis Dreizehnjährige an. Der Tisch ist voller Süßigkeiten, Obst und Getränke. „Nervennahrung“, sagt van Lengen. „Die braucht man hier manchmal.“

Auch Giuliano und Gianluca brauchen ein bisschen Ablenkung, nachdem sie von einem Besuch beim Mittelalter-Fest erzählt haben. „Papa wollte da immer hin“, hat Gianluca gesagt. „Dieses Mal sind wir mit Mama ohne ihn hingegangen.“ Jetzt hat sich zwischen den beiden Jungen und Mia und Jule, den anderen beiden Teilnehmern der Trauergruppe, eine wilde Diskussion über das Für und Wider von Mineralwasser mit Holunderblütengeschmack entwickelt. Überhaupt nehmen Alltagsthemen einen großen Raum in der Gruppe ein. Da geht es um Klassenfahrten und Schularbeiten, um Youtube-Stars und das gerade so populäre Spielzeug „Figet Spinner“. „Aber sobald jemand von seinem Verstorbenen spricht, werden alle ganz schnell ruhig und hören zu“, sagt Sandra van Lengen. Zum Beispiel, als Gianluca und Giuliano neulich erzählt haben, dass bald der Todestag ihres Vaters ist. „Da haben wir alle zusammen über die Gestaltungsmöglichkeiten gesprochen“, sagt van Lengen.

Jede Stunde beginnt auf die selbe Weise, mit einem Anfangsritual, bei dem die Kinder Kerzen anzünden und über ihre Gefühlslage sprechen. Danach geht es unterschiedlich weiter – mal mit Spielen, mal mit Basteleien, mal mit Gesprächen. „Wenn es den Kindern zu viel wird, gehen wir ein paar Minuten an den Kicker oder essen ein Eis“, erzählt van Lengen.

Giuliano, Gianluca, Jule und Mia hätten gerne noch mehr Kinder in ihrer Gruppe. Das ist auch der Grund dafür, dass sie die Presse eingeladen haben. Für die 12-jährige Mia sind die anderen Kinder nämlich das beste an der Trauergruppe: „Hier habe ich gelernt, dass ich nicht die Einzige bin, der das passiert ist.“ Zwei von Mias Geschwistern sind im Mutterleib gestorben. „Manchmal hilft es, dass ich den anderen erzählen kann, wie es mir geht – und dass sie mich verstehen“, sagt Mia. Das Mädchen ist davon überzeugt, dass Kinder ganz anders trauern als Erwachsen. „Mama versucht immer zu verstecken, wenn sie geweint hat, damit ich nicht traurig werde. Dabei merke ich das jedes Mal.“

Bei der zehnjährigen Jule war es, wie bei den Zwillingen, der Vater, der gestorben ist. Besonders schwer ist es an Weihnachten, im Urlaub oder am Todestag ihres Vaters, sagt Jule. In der Trauergruppe hat sie gelernt, an diesen Tagen auch an die schönen Erlebnisse mit ihrem Vater zu denken: „Im Winter hat er unseren Schlitten immer an seinen elektrischen Rollstuhl gebunden und uns durch den Schnee gezogen“, erinnert sich Jule mit einem Lächeln.

Wenn sie mal besonders traurig ist, holt Jule ihre Erinnerungskiste hervor. Darin liegt ein Foto ihres Vaters und ein paar Muscheln. Auf die hat Jule geschrieben, was sie machen kann, damit es ihr wieder besser geht: „Zum Beispiel mit Mama kuscheln.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen