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Elmshorner Nachrichten

12. Dezember 2017 | 00:02 Uhr

Wenn Amor die Ringe schmiedet

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

IndustrieMuseum „Objekt des Monats“ ist eine Vase der Elmshorner Steingutfabrik Carstens mit sehr persönlichen Motiven

Wenn die Arbeiterinnen und Arbeiter der Steingutfabrik Carstens ein Geschenk suchten, wandten sie sich gerne an ihren Kollegen Alois Riebl aus der Keramikmalerei. Er galt als besonders talentiert und bemalte auf Wunsch ein ganzes Kaffeeservice von Hand mit individuellen Mustern. So erinnerte sich sein Kollege Johann Trendel, der als Packer bei Carstens arbeitete: „Bei Alois Riebl habe ich manche Sachen bestellt. Wie ist das, ich möchte ein Kaffeeservice haben, Alois, würdest du mir dieses bewusste Dekor ,Glaube, Liebe, Hoffnung’ malen? Und dann möchte ich auch gern, dass du meinen Namen darunter schreibst – und dann hat er auf der anderen Seite geschrieben: ‚Für meine Dolli, Dein Johann‘ in Goldschrift, ganz groß.“

Auch für sich selbst fertigte Riebl ganz persönliche Einzelstücke wie das Objekt des Monats im Elmshorner Industriemuseum. Die kleine Vase aus weißem Steingut ist mit einem breiten Goldrand eingefasst und aufwendig bemalt. Unter einem blühenden Rosenstrauch schmiedet Amor mit Hammer und Amboss einen goldenen Ring. Der dazugehörige zweite Ring ist bereits fertig und trägt die Inschrift „Emma“.

Auf der anderen Ansichtsseite der Vase ist eine weitere Darstellung Amors zu sehen. Der geflügelte Liebesgott in Knabengestalt sitzt hier auf einer violett-gelben Blume und hält zwei Pfeile in der Hand. Auf dem Unterboden ist die Vase mit Riebls Namen signiert. Sie war gedacht für seine Auserwählte Emma Barg und die Motivwahl legt nahe, dass es sich um ein Verlobungsgeschenk handeln sollte.

Ebenso wie Riebl arbeitete auch Emma Barg in der Steingutfabrik der Familie Carstens am Elmshorner Krückau-Ufer. 1905-1907 errichtet, hieß sie im Volksmund nur „Pott Carstens“. Der Fabrikgründung voraus ging ein florierender Steingutgroßhandel, für den unter anderem um 1890 das Speichergebäude errichtet wurde, in dem sich heute das Industriemuseum befindet.

Die eigene Herstellung expandierte schnell: Um 1922 beschäftigte das Unternehmen mehr als 3  000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an 14 Standorten in ganz Deutschland. Allein in Elmshorn arbeiteten 400 Männer und Frauen bei Carstens.

Neben keramischer Massenware entstanden auch zahlreiche Einzelstücke, deren künstlerischer Wert bis heute geschätzt wird. So stolz die Arbeiter und Arbeiterinnen auf die Schönheit ihrer Produkte waren, so hart waren jedoch auch die Arbeitsbedingungen. Die Löhne waren niedriger als in anderen Elmshorner Industriebetrieben, Hitze und staubige Luft an den Arbeitsplätzen belasteten die Gesundheit.

Im Zuge der Weltwirtschaftskrise 1929 geriet die Firma Carstens in eine schwere Notlage und musste in Elmshorn zahlreiche Arbeiter und Arbeiterinnen entlassen. 1938 wurde die Produktion an der Krückau schließlich komplett eingestellt. Und auch Alois Riebl blieb ein Happy End mit Emma Barg verwehrt: Sie heiratete letztendlich jemand anderen.

Für alle Paare mit glücklicherer Geschichte steht ab Juli das Elmshorner Industriemuseum wieder als Ort für eine standesamtliche Trauung zur Verfügung. An jedem 1. Freitag im Monat kann zwischen 10 und 13 Uhr in der einzigartigen Museumsatmosphäre geheiratet werden. Für alle weiteren Auskünfte und Absprachen steht das Standesamt Elmshorn zur Verfügung.

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