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Klein Nordende : Weitere Kritik an der Tötung der 21 Rinder

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

„Unnötig und grausam“ – Dieter Wichmann, Chef des Liether Robustrinder-Vereins, kritisiert die Tötung der 21 Rinder in Bokholt-Hanredder.

shz.de von
erstellt am 29.Nov.2014 | 10:00 Uhr

Klein Nordende | Dieter Wichmann (70) aus Heidgraben muss zurzeit eine Menge Fragen beantworten. Der Vorsitzende des Vereins für extensive Rinderhaltung im Liether Moor ist begehrter Gesprächspartner der Medien. Eine Interview-Anfrage kam sogar aus Serbien. Der Grund ist immer derselbe: Alle wollen seine Expertenmeinung zum Abschuss der 21 Robustrinder auf einer Weide in Bokholt-Hanredder hören. Jäger hatten die Tiere, wie berichtet, am Dienstag vergangener Woche getötet, da laut Ordnungsamt „Gefahr im Verzug“ war. Dieter Wichmanns Reaktion ist unmissverständlich: „Total unnötig. Was für eine Riesensauerei. Alle Beteiligten haben versagt.“

Lokaltermin in der „Kuhschule“. So nennt der Robustrinderverein das Areal im Liether Moor, auf dem Besucher der Anlage die zotteligen Hochlandrinder aus Schottland (Highland Cattles) genau kennenlernen können. Weibliche Tiere und manchmal ihr Nachwuchs sind dort zu sehen. „Wir gehen mit Schülern auf diese Weide, die Tiere sind zutraulich und leicht zu handhaben. Bullen stehen dort nicht“, so Experte Wichmann.

Und tatsächlich – frisches Stroh lockt die Tiere schnell an. Sofort rupfen sie die Halme büschelweise aus dem Ballen, den Dieter Wichmann ihnen mitgebracht hat. „Das sind zufriedene Tiere. Wenn man sie gut behandelt sind Robustrinder völlig ungefährlich. Aber das geht nicht nebenbei. Robustrinderhaltung bedeutet Arbeit und Leidenschaft“, sagt der Heidgrabener, der seit sieben Jahren selbst Highland Cattles hält.

Für Dieter Wichmann ist die Tötung der Tiere in Bokholt-Hanredder das Resultat des Fehlverhaltens aller Beteiligter. „Die Tiere machen für uns Menschen die Drecksarbeit, um die Natur wieder so hinzubekommen, wie sie einmal war, und wir Menschen bedanken uns bei ihnen auf diese Weise, unfassbar“, so Wichmann.

Die Hauptschuld an der „Katastrophe“ trägt seiner Ansicht nach der Halter der Tiere, ein Landwirt aus Bullenkuhlen. Er habe die Tiere verwildern lassen. Wichmann vermutet auch, dass auf der Zehn-Hektar-Weide viel zu viele Rinder untergebracht waren. Je nach Größe benötigt ein Tier 0,6 bis ein Hektar Fläche, um artgerecht leben zu können. Wichmann: „Das war in diesem Fall wohl nicht gegeben.“

Der Chef des Robustrindervereins kritisiert auch den Naturschutzbund (Nabu) Elmshorn, Verpächter der Weide. Wichmann: „Hat man denn nicht geprüft, ob der Pächter dafür geeignet ist?“

Dieter Wichmann füttert die Färsen auf der Weide der „Kuhschule“ im Liether Moor.
Dieter Wichmann füttert die Färsen auf der Weide der „Kuhschule“ im Liether Moor. (Foto: Krosta)
 

Besonders sauer ist der Vorsitzende des Vereins, der 2012 von der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ ausgezeichnet wurde, auf die Jäger. „Die sollen sich schämen, das sie dabei mitgemacht haben. Ich fordere eine öffentliche Untersuchung.“ Unerklärlich ist für Dieter Wichmann auch, warum die Landwirte in der Nachbarschaft nicht zusammengehalten haben, um die Tiere in Ruhe zusammenzutreiben. Anstatt dessen habe man mit vielen Leuten und viel Geschrei immer wieder versucht, die Tiere auf die Weide zurückzutreiben. „Dadurch werden die Rinder aber immer wilder, weil es fremde Leute waren. Eine richtige Bezugsperson für die Tiere hat es wohl nie gegeben, weil der Landwirt sich angeblich nicht um die Rinder gekümmert hat. Warum ist nie einer auf die Idee gekommen, einen anständigen Zaun zu ziehen, denn dann reißt kein Tier aus,“ sagt der Züchter.

Auf der Weide der Kuhschule haben die Hochland-Rinder den Strohballen inzwischen vollständig auseinandergepflückt. Dieter Wichmann ist vor den Tieren in die Hocke gegangen, spricht ihnen zu, sie lassen sich sogar füttern. „Wenn man die Tiere als Partner begreift, gibt es keine Gefahr im Verzug – auch nicht, wenn sie einmal unruhig sind. In Bokholt-Hanredder wäre eine andere Lösung möglich gewesen, da bin ich sicher.“ Mit dem Abschuss habe man auch dem Image der Tiere geschadet. Wichmann: „Schulklassen kommen zurzeit nicht zu uns – wie schade.“

Verein für extensive Robustrinderhaltung im Liether Moor

Ziel des Vereins für extensive Robustrinderhaltung im Liether Moor ist es, die Moorflächen wieder herzustellen und so das Landschaftsbild zu erhalten. Der Verein hält rund 30 schottische Hochlandrinder (Highland-Cattles) und ihre Nachkommen (Kreuzungen mit Whitebred-Shorthorn) auf einer Fläche von 35 Hektar. Die Tiere fressen schnell wachsende Büsche und Binsen und verschonen langsamer wachsende Arten. Das Resultat: Die Artenvielfalt im Moor wird erhöht. Außerdem liefern die Rinder hochwertiges Fleisch, da sie sich nur von natürlichem Futter ernähren. Das Fleich wird vermarktet. Die Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ und die Deutsche Bank haben den Verein für sein Engagement mit dem Prädikat „Ausgewählter Ort 2012“ ausgezeichnet. Der Verein besteht seit vier Jahren. Vorsitzender ist Dieter Wichmann aus Heidgraben.

Nach dem Abschuss der 21 Robustrinder auf einer Weide in Bokholt-Hanredder am Dientag vergangener Woche, hat sich jetzt der Verein PROVIEH (Verein gegen tierquälerische Massentierhaltung) aus Kiel zu Wort gemeldet. In einer Erklärung bezeichnet PROVIEH die Maßnahme als „sinnlos anmutendes Massaker“. Der Verein bezweifelt die Richtigkeit der Entscheidung der Ordnungsbehörden und bedauert den Tod der Tiere. „PROVIEH befürwortet grundsätzlich die ganzjährige Weidehaltung. Hierbei steht aber die Deckung der Bedürfnisse der Tiere an erster Stelle“, so Udo Hansen, Vorstandsmitglied des bundeweit tätigen Tierschutzvereins.
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