Was wir von Shakespeare lernen können

Sie diskutierten mit Reinhard Ueberhorst (Dritter von links): Dr. Manuel Rivera (von links), Professor Peter Unruh, Leonie Sowa und Professor Dieter Läpple.
Sie diskutierten mit Reinhard Ueberhorst (Dritter von links): Dr. Manuel Rivera (von links), Professor Peter Unruh, Leonie Sowa und Professor Dieter Läpple.

Der ehemalige SPD-Spitzenpolitiker und wissenschaftliche Berater Reinhard Ueberhorst schreibt in diesem Gastbeitrag über einen Gesprächsabend zu Shakespeares Timon von Athen".

shz.de von
11. Juli 2018, 16:03 Uhr

Shakespeares Theaterstück Timon von Athen wird selten gelesen oder aufgeführt. Jedenfalls bislang. Das sollte sich ändern, wenn erkannt würde, dass dieses Stück uns anregt, etwas zu reflektieren, was in seiner Bedeutung für jedes politisches Gemeinwesen und das Gelingen freier und gerechter Gesellschaften gar nicht überschätzt werden kann: ein Verständnis darüber, wozu moralische Ressourcen gebraucht werden, wie sie aktiviert und erneuert werden können und vor allem, wie wir uns handlungsleitender Motivationen bewusst werden, die auf das gelingende Ganze zielen – und nicht nur auf den individuellen Erfolg und Gewinn.

Wo diese Motivationen verkümmern, erodiert eine Gesellschaft und ihr Gemeinwesen. Wenn das Verkümmern und Fehlen der gemeinwohlorientierten Motivationen nicht mehr wahrgenommen wird, wird es dramatisch. Das soziologische Porträt einer solchen Gesellschaft zeichnet Shakespeare mit viel Tiefgang und Humor. Aus ihm zu lernen ist eine Chance, die wir nutzen wollten. Deshalb dieser Gesprächsabend.


Problem des Stücks: Es dominiert die Habgier

Der Text des Stückes, wohl durchkomponiert, ist eine Abfolge immer spannender, sehr oft sehr witziger und häufig auch irritierender, wenn nicht abschreckender Dialoge, Monologe und Szenen. Für viele Einzelne und auch für die Stadt geht es im Verlaufe des Stücks um Sein oder Nichtsein. Das Geschehen nimmt einen turbulenten Verlauf. Für die durch den Feldherrn Alkibiades bedrohte Stadt endet er mit einem Deal. Nachdem der von seinen egoistischen Mitmenschen bitter enttäuschte Timon sein soziales und physisches Leben beendet hat und als Regent nicht mehr gewonnen werden kann, übernimmt der Feldherr Alkibiades nach einem Deal mit den Senatoren die Macht in der Stadt.

Zur Entdeckung des politischen Anregungspotenzials des Stücks kommen wir mit der Frage: Was sagt uns das Stück, wenn der von den mächtigen Akteuren der Stadt als Lösung entwickelte Schluss keine Lösung der Probleme der Stadt erwarten lässt? Diese Probleme sind ein grassierendes amoralisches Fehlverhalten. Wo immer möglich, wird kreativ und skrupellos getäuscht. Bei allen Akteuren, die eine Nase für Geschäfte haben (Geldverleiher, Künstler, ein Juwelier) dominiert ein egoistisches Streben nach Geld und Ansehen. In der Folge geht die Fähigkeit verloren, die Brisanz dieser für das Gemeinwesen „dysfunktionalen Mentalitäten“ (Lübbe-Wolff) zu verstehen.

Es  nahmen sechzehn Teilnehmer am Gesprächsabend teil. Fünf Namen: Dr. Manuel Rivera, Schauspieler und Soziologe am Institute for Advanced Sustainability Studies in Potsdam, Prof.Peter Unruh, Jurist, Präsident des Landeskirchenamtes der Nordkirche, Reinhard Ueberhorst, Planer und Gastgeber, Leonie Sowa, Theaterwissenschaftlerin  aus Leipzig, Prof. Dieter Läpple, Ökonom und Stadtforscher.

Wer mehr Informationen über Shakespeares Stück oder diesen Gesprächsabend erhalten möchte, kann diese per E-Mail abfordern: ueberhorst.beratungsbuero@t-online.de

Keinen Widerspruch fand Wolfgang Nethöfel, Theologe und Sozialethiker, mit seinem Befund, der Deal zum Schluss bringe „keine Neuorientierung“ und lasse „keine stabile Zukunft erwarten“.

Ganz anders dagegen einige Stimmen aus der Literatur über das Stück (zum Beispiel Boas und Phillips). Für sie hat mit dem neuen starken Führer der Reformator einer kranken Gesellschaft die Macht übernommen, der nun die soziale und politische Korruption in der Stadt beseitigen werde.


Shakespear argumentiert aus seiner Zeit

Phillips will Shakespeare auf das nichtdemokratische Staatsdenken seiner Zeit festgelegt sehen. Mit ihr müsse Shakespeare für einen starken Mann an der Spitze argumentieren – und es auch für plausibel halten, dass ein strenger Regent die aufgestauten Probleme lösen und eine stabile gerechte Gesellschaft herbeiführen könne. Was Shakespeare als Person wollte, haben wir nicht diskutiert. Patricia Springborgs Frage: „Wo steht Shakespeare?“ blieb unbeantwortet. Die Diskussion orientierte sich am Text. Sein Anregungspotenzial sollte ja erkundet werden.

Der Weg dazu führte über die vielen Themen des Stücks und wie mit ihnen umgegangen wird. Das „Füllhorn von Themen“ hatte Peter Unruh schon in der ersten Runde angesprochen und mit Beispielen konkretisiert. Alle anderen benannten weitere. So viele Themen! Auf keinem anderen Gesprächsabend in mehr als 30 Jahren wurden so viele Themen in so kurzer Zeit angesprochen. Diese Themenvielzahl ist dem Text geschuldet. Stichworte: Ökonomie, Armut, Egoismus und Nächstenliebe, Freundschaft, Vertrauen, Täuschungen, Dank- und Undankbarkeit, Geld, Schulden, Finanzkrisen, Natur des Menschen, Entfremdung, Menschenbilder, Macht, Hass, Pessimismus, die Idee einer Stadt, Politik, Macht des Schicksals, mildes und strenges Recht, Religion und Kapitalismus.

Die Aufzählung ist lang, unvollständig und beschreibungsschwach. Wer eine brillante Beschreibung der Themen lesen will, liest das Stück. Der Weg zur Erkenntnis der aktuellen Anregungspotenziale dieses Stückes führt über die Form, mit der Shakespeare seine Figuren diese vielen Themen in Dialogen und Monologen anreißen, vortragen, erklären, bestreiten, verdrehen oder ironisieren, nie aber gemeinsam klären lässt. So zeigt er für Beobachter eine Gesellschaft, die nicht lernen kann. Da die Athener sich selbst nicht beobachten können, führt er drei Fremde ein, die als unbeteiligte Beobachter die Misere verstanden haben und in einem kurzen Auftritt mit klaren kurzen Befunden auf den Punkt bringen. Sie erkennen: Hier geht Eigennutz über das Gewissen. Hier wird der undankbare Mensch zum Ungeheuer. Hier stöhnt die Religion über das, was sie erlebt.


Ähnlichkeiten mit heutigen Gegebenheiten

Als Leser des Textes sind wir Beobachter dieser Beobachter und können wahrnehmen, dass die trefflichen Befunde der Fremden von der politischen und wirtschaftlichen Elite der Stadt nicht aufgenommen werden. In der Folge gibt es in diesem Athen keine politische Willensbildung, die sich an den kritischen Befunden orientierte. Man (die Stadtherren und der Feldherr, der die Stadt bedrohte) macht lieber eine große Koalition mit seinem Gegner, als dass man sich auf komplexe Verständigungsprozesse einließe, bei denen die Interessen der ökonomischen und politischen Eliten bedroht wären. Sind alle Ähnlichkeiten mit heutigen Gegebenheiten nur scheinbare?
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