D-Day : Walter Ohmsens längster Tag

Oberleutnant Walter Ohmsen aus Elmshorn kämpfte sechs Tage lang mit seiner Einheit in den Artillerie-Bunkern von St. Marcouf. Am D-Day wurde er  am linken Arm verwundet.
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Oberleutnant Walter Ohmsen aus Elmshorn kämpfte sechs Tage lang mit seiner Einheit in den Artillerie-Bunkern von St. Marcouf. Am D-Day wurde er am linken Arm verwundet.

Am 6. Juni 1944 – heute vor 70 Jahren – begann die Operation „Overlord“, die alliierte Invasion in der Normandie. Kurz nach Mitternacht sprangen 24.000 Fallschirmjäger im Zielgebiet ab. Amerikanische Truppen landeten auch in der Nähe des Städtchens St. Marcouf im Westen des Invasionsgebietes. Dort befehligte Walter Ohmsen aus Elmshorn (Kreis Pinneberg) eine deutsche Küstenbatterie. Der Oberleutnant schrieb Geschichte: Er war der erste Soldat der Wehrmacht, der den Angriff meldete.

shz.de von
06. Juni 2014, 15:27 Uhr

Elmshorn | Die Soldaten der Marine-Batterie St. Marcouf/Grisbecq in der Normandie hatten schon lange keine  ruhige  Minute mehr.  Pausenlos entladen alliierte Flugzeuge  über der Stellung  ihre tödliche  Fracht. So auch in der Nacht zum 6. Juni 1944. 100 Maschinen belegen das Städtchen und die deutschen Bunker im Südosten der Halbinsel Cotentin mit 600 Tonnen  Bomben.

Chef der deutschen Stellung  ist  der Marineoffizier Oberleutnant Walter Ohmsen aus Elmshorn. Er hat den Befehl über 400 Artilleristen und die nagelneue Batterie mit ihren 11 Geschützen.  Die große  Anlage  bildet den Schwerpunkt der Verteidigung der strategisch wichtigen Halbinsel Cotentin. Seinen Gefechtsstand hat der 33 Jahre alte Offizier im kleinen Schlösschen von St. Marcouf. Kurz vor Mitternacht ahnen Ohmsen und seine  Männer noch nichts von der bevorstehenden Invasion. Sie können auch nicht wissen, dass sie  zu den  ersten deutschen Soldaten  zählen  sollten, die auf alliierte Soldaten treffen.

Als das Dauer-Bombardement abrupt endet, bekommt Ohmsen, der sich gerade in einem der Bunker befindet, die Meldung, dass die Zentrale seiner Einheit im Schloss zerstört worden ist. Sofort schickt er Hilfe zum Chateau, um nach Überlebenden zu suchen. Doch seine Männer kehrten schnell zurück. Sie waren auf amerikanische Fallschirmjäger  des  502. US-Fallschirmjäger-Regiments  getroffen.   Die  waren über St. Marcouf und der benachbarten Ortschaft St. Mere Eglise abgesprungen - die Invasion hatte begonnen.

Walter Ohmsen meldet den  Feindkontakt als einer der ersten Kommandeure  telefonisch  dem Stab  von Admiral Walter Hennecke in Cherbourg. Wenig später stellt Ohmsen einen Stoßtrupp mit 22 Soldaten zusammen. Der soll die Fallschirmjäger aufstöbern.  Nach zwei  Stunden kehren Ohmsens Männer mit 20 Gefangenen  zurück. Als der  Oberleutnant  die  Amerikaner untersucht, stellt  er fest, dass sie über seine Batterie genau Bescheid wissen. Ihre Karten  der Region sind  sogar wesentlich   genauer als die der deutschen Besatzer.

Für Ohmsens Gefangene ist die  Operation „Overlord“  bereits nach wenigen Stunden vorbei. Für seine eigenen Soldaten sollte sie erst am frühen Morgen des 6. Juni richtig beginnen. Ohmsens Batterie liegt  zwei Kilometer vom sumpfigen Strand entfernt. Den Abschnitt bei Marcouf haben sich die Alliierten als westlichsten Landekopf ausgesucht. Er trägt  den Decknamen „Utah“.

Walter Ohmsen verbringt die folgenden Stunden in einem der Bunker der  Batterie. Immer wieder blickt er  durch die  Entfernungsmesser des Geschützstandes auf den Ärmelkanal. Um 5 Uhr früh dann die Entdeckung, die  den Alarm für den gesamten „Atlantikwall“ auslöst: Walter Ohmsen sichtet die alliierte Invasionsflotte  - als erster Soldat der Wehrmacht.

Eine Stunde später  beginnt die Landung am „Utah“-Strand. Am ersten Invasionstag waten  dort 23250 amerikanische Soldaten der 4. US-Division unter General Omar N. Bradley an Land. Sie treffen dort auch auf Walter Ohmsens  Einheit. Bei den ersten Kämpfen wird  der Elmshorner am linken Arm verwundet. Die deutschen Verteidiger  treten rasch den Rückzug an, und der Batterie-Chef aus Elmshorn verschanzt sich mit seinen Männern in den Bunkern der Stellung Marcouf – unter vier Meter dickem Beton. Dort verbringt Walter Ohmsen auch seinen 33. Geburtstag am 7. Juni 1944.

Einen Tag später haben die Invasionstruppen die Strände der Normandie bereits hinter sich gelassen. Der Nachschub über den Kanal funktioniert bestens. Die „Festung Europa“  ist geknackt. Oberleutnant Ohmsen und seine Männer sitzen immer noch in ihren Bunkern, umzingelt von amerikanischen Truppen.

Der US-Kriegsberichterstatter und Autor Cornelius Ryan erwähnt Ohmsens Stellung in seinem weltbekannten Buch „Der längste Tag“, das Vorlage für den gleichnamigen Spielfilm mit internationaler Starbesetzung ist. Ryan dokumentierte Gefechte der Ohmsen-Batterie mit den amerikanischen Zerstörern „Corry“ und „Fitch“. Diese Episode gibt auch der Film wieder. Historiker  vermuten heute, dass Feuer aus den Geschützen der Batterie St. Marcouf die „Corry“ versenkte.

Sechs Tage halten Ohmsen und seine Marinesoldaten die Bunker von Marcouf. Dem Elmshorner ist  klar, dass er keinerlei Unterstützung zu erwarten hat.  Knapp eine Woche  nach dem D-Day  sind  seine Munitionsreserven erschöpft und die Mehrzahl seiner Männer tot.

In der Nacht zum 12. Juni beschließt Walter Ohmsen mit dem Rest seiner Soldaten zu den zehn Kilometer entfernten Deutschen Linien durchzubrechen. Mit 78 Überlebenden schleicht sich der Offizier unbemerkt an den amerikanischen Linien vorbei. Die Schwerverletzten und einige Sanitäter blieben zurück.

Am 14. Juni 1944 berichten die „Elmshorner Nachrichten“ auf der Titelseite über den Einsatz Ohmsens in der Normandie. Anlass  ist die Auszeichnung des Oberleutnants mit dem Ritterkreuz  des Eisernen Kreuzes für  die Entdeckung der alliierten Invasionsflotte. Damals feierte die Stadt den „Elmshorner Jung“ überschwänglich.

Während die  Heimat jubelt, wird die Situation in der Normandie für Ohmsen immer bedrohlicher. Die Alliierten kontrollieren die Halbinsel Cotentin.  Schließlich gerät er gemeinsam mit Tausenden deutschen Soldaten in amerikanische Gefangenschaft. Erst 1946 kehrt Ohmsen  nach Norddeutschland zurück.

Als Walter Ohmsen 1988 mit 76 Jahren starb, war er in seiner Wahlheimat Kiel ein bekannter Mann (siehe Info).  Er wurde für sein Engagement im öffentlichen Leben der Landeshauptstadt mit der Freiherr vom Stein Medaille und dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Viele Zeit verbrachte  Ohmsen im  „Föhrde-Club“. Freunde erinnerten sich daran, dass er dabei   manchmal über seinen Einsatz in der Normandie berichtete – „nie aufdringlich und ohne Patos“.

ZUR PERSON: Als Sohn des Mühlenarbeiters Heinrich Ohmsen wurde Walter am  7. Juni 1911 in Elmshorn geboren. Er wuchs in der Lindenstraße auf. Nach der Mittleren Reife begann Ohmsen in der Maschinenfabrik Heinrich Ahrens eine Lehre als Maschinenschlosser. Am 1. April 1929 trat der Elmshorner in Stralsund in die Marine ein. Er wurde als Artillerist ausgebildet. Walter Ohmsen fuhr auf der „Gorch Fock“, der „Schleswig-Holstein“ und der „Königsberg“.  Im Februar 1944 übernahm er als Oberleutnant die Küstenbatterie St. Marcouf Grisbecq in der Normandie. Für seinen Einsatz in Nordfrankreich bekam Ohmsen als einziger Soldat der Kriegsmarine für ein Kommando an Land das Ritterkreuz. Am 15. März 1946 kehrte er aus amerikanischen Kriegsgefangenschaft  zurück. Ohmsen arbeitete  im Landwirtschaftsministerium und war Landtagskandidat  (Schleswig-Holstein-Block) bevor er am 16. März 1956 in die Bundesmarine eintrat. Von 1957 bis 1965 war Walter Ohmsen, inzwischen zum Korvetten-Kapitän befördert, Hafenkapitän des Marinestützpunktes in Kiel. Als Fregatten-Kapitän ging er 1957 in Pension.Walter Ohmsen war verheiratet mit der Elmshornerin Ilse Ohmsen geborene Sellmann (sie starb 1993). Das Paar bekam drei Töchter. Bereits in den 50er und 60er Jahren war Walter Ohmsen für die CDU politisch aktiv.  Er war von 1970 bis 1978  in Kiel  Stadtrat und Dezernent für das Krankenhauswesen und stellvertretender Fraktionschef. Bei der Olympiade 1972  war er einer der Koordinator der Segel-Wettbewerbe. Mit 77 Jahren starb Walter Ohmsen  am 19. Februar 1988 in Schilksee.
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