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Elmshorner Nachrichten

11. Dezember 2017 | 02:12 Uhr

Wahlkampf: Von Tätern und Opfern

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Analyse Zwei Vorfälle in der Elmshorner Innenstadt zeigen, dass sich die politische Auseinandersetzung verändert hat

shz.de von
erstellt am 30.Sep.2017 | 16:00 Uhr

Als noch am Abend der Bundestagswahl Alexander Gauland von der AfD vor die Kamera trat und den künftigen Umgang mit den Regierungsparteien beschrieb mit „Wir werden sie jagen“ – da schreckten viele Menschen auf. Das Vokabular, mit der die drittstärkste Kraft des Bundestags in die Öffentlichkeit tritt, klingt hitzköpfig und verroht. Eine Stimmung, die schon im Wahlkampf aufkam – auch in Elmshorn.

Zwei Vorfälle machen deutlich, dass sich die politische Diskussion in der Stadt verändert hat. So positionierten sich drei junge Erwachsene von den Jusos Elmshorn-Tornesch an einem Sonnabend vor der Wahl mit Pappschildern vor einem Wahlstand der AfD. Ein paar Tage zuvor hatte Gauland eine Neubewertung der Taten deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg gefordert. Man habe das Recht, stolz auf die Leistungen jener zu sein. Die Jusos wollen diesen Ausspruch nicht hinnehmen. „Wer wie ein Nazi redet, ist auch einer“ steht auf einem ihrer Schilder. „Es ist unser gutes Recht, unsere Meinung kundzutun“, sagt Juso-Mitglied Christopher Werner, der an der Aktion beteiligt war.

Etwa zehn Meter vor dem AfD-Stand habe man sich positioniert „ohne groß Lärm zu machen. Wir standen ganz still.“ Doch es habe keine zwei Minuten gedauert, als ein AfD-Mitglied die Polizei rief. Dieses AfD-Mitglied heißt Bernhard Noack. „Wir haben uns bedroht gefühlt“, erklärt er. Er selbst habe beim Aufhängen von Wahlplakaten schon einen Angriff erleben müssen. Jemand warf eine Flasche, die seinen Kopf nur knapp verfehlte. „Wir sind vorsichtig. Wir wissen nicht, was sich aus solchen Situationen entwickelt“, erklärt Noack den Ruf nach der Polizei. Der AfDler sieht in der Juso-Aktion eine Behinderung des Wahlkampfs und hat Anzeige erstattet. „Das war keine Spontandemo, die haben uns blockiert.“

„Die Kollegen haben keine aggressive Situation vorgefunden“, sagt der stellvertretende Polizeichef Patrick Melber. Seine Polizisten hätten den Einsatz als eher friedlich empfunden. Um den Streit zu klären, hätten die Polizisten die Jusos aufgefordert, mehr Abstand zum AfD-Stand zu halten. „Ich fühlte mich von der Polizei nicht hart angegangen“, sagt Werner von den Jusos.

Ein paar Stunden später tauchen auf der privaten Facebook-Seite Fotos von den drei Jusos auf. „Er musste von der Polizei entfernt werden, weil er den AfD-Stand mit seinem Stuss störte. Zusammen mit anderen Dummköpfen. Undemokratisch und realitätsfern“, schreibt ein User. Über 700 Kommentare finden sich unter den Fotos. „Jusos. Noch Pickel im Gesicht, dumm wie Muttis Wickelkind, aber sich schon vor den Karren der Lobby spannen lassen. Was ist das für eine vergeigte Jugend?“, steht da oder auch „Drei antideutsche Dumpfbacken auf einen Haufen“ oder „Seht euch die Stricher an. Die warten auf den nächsten Freier.“

Nicht alle Kommentatoren geben Daten von sich Preis. Wenn Wohnorte angegeben werden, liegen sie nicht in der Region. Viele schreiben unter Fantasienamen. Über das Internet werden die Elmshorner Jusos aus ganz Deutschland beschimpft. „Ich bin da relativ schmerzbefreit“, sagt Werner, der vorerst nicht gegen die Beleidigungen aus dem Netz vorgehen will. „Die Frage ist, ob uns das irgendwann noch schaden wird“, gibt er zu bedenken und hofft, dass niemand durch die Fotos dazu angestachelt wird, gewalttätig gegenüber ihn und seinen Mitstreitern zu werden.

Eine Woche nach der Jusos-Aktion positioniert sich eine junge Frau vor einem Wahlstand der AfD. Auch sie trägt ein Schild. „Rassismus ist keine Lösung, oder so ähnlich stand da drauf“, erzählt Kai- Olaf von Wolff, SPD-Stadtverordneter in Elmshorn. „Sie stand da den ganzen Morgen und ich fand das toll“, erklärt er. Er spricht sie an. „Ich wollte ihr Mut machen und sagen, dass ich das gut finde was sie da tut.“ Dann bekommen beide mit, dass die Frau fotografiert wird. Sie wollte das nicht, hatte Angst dass die Bilder irgendwo auftauchen und ihr schaden, erzählt von Wolff, aber der Fotograf weigert sich das Foto zu löschen mit dem Verweis, man dürfe Versammlungen fotografieren. „Sie ist keine Person des öffentlichen Lebens und das war auch keine Versammlung“, erklärt hingegen von Wolff. Der Stadtverordnete greift ein, will den Mann dazu bewegen das Foto zu löschen. Es kommt zum Streit, in dessen Verlauf der Fotograf von Wolff laut dessen Aussage anfasst und wegstößt. „Als er merkte, dass er mich nicht los wird, fing er an laut zu brüllen“, erzählt von Wolff.

Was dann passiert, zeigt ein Video, das der Fotograf auf Facebook und seine private Internetseite „freie-berichterstattung.org“ stellt. Der Mann heißt John Behrens und kommt aus Elmshorn. „Die Nerven bei der SPD liegen blank - SPD Stadtverordneter bedrängt unseren Journalisten“, titelt Behrens. Das Video zeigt eindeutig, wie von Wolff ihm nachläuft. „Ich habe ihn nicht ein einziges Mal berührt. Aber natürlich kam ich ihm nahe. Ich wollte ja Druck ausüben“, sagt von Wolff.

Behrens erzählt eine andere Geschichte. Er habe eine Versammlung von AfD-Gegendemonstranten fotografiert. „Die haben mich gleich beleidigt und sind auf mich losgegangen“, erzählt er. „Der Größte kam auf mich zu und hat mich angeschrien: Löschen Sie das Foto!“ Erst dann habe sich von Wolff eingemischt und ihn bedrängt. „Ich habe Strafanzeige gegen ihn gestellt“, sagt Behrens.

In seinen Ausführungen kommt nur am Rande eine junge Frau vor. Diese habe ihn ruhig und sachlich nach dem Vorfall gebeten, ihr Gesicht auf den Fotos unkenntlich zu machen. Auf dem Video hört man, wie von Wolff und Behrens sich streiten. Ein Mann redet auf von Wolff ein „Er darf das Foto machen“, worauf von Wolf entgegnet, „Nein, das ist eine Privatperson“ und Behrens reagiert, „Das ist eine Versammlung, ich darf das fotografieren.“

Behrens schreibt den Bericht aus seiner Sicht, lässt weder die Elmshorner SPD noch von Wolff Stellung beziehen. „Das hat mit seriösem Journalismus nichts zu tun“, findet von Wolff. Unter dem Facebook-Post kommentiert hingegen ein Nutzer: „Danke für diesen neutralen Bericht! So stelle ich mir Journalismus vor!“

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