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„Unschuldig“ trotz Mord in 164 Fällen : Von Schirachs Drama „Terror“ auf der Bühne des Stadttheaters

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

In Ferdinand von Schirachs Drama „Terror“ schlüpfte das Publikum im Stadttheater in die Rolle der Richter.

shz.de von
erstellt am 17.Okt.2017 | 16:00 Uhr

Elmshorn | Im Elmshorner Stadttheater sitzen 272 Laienrichter. Sie sollen ein Urteil über Major Lars Koch, Kampfjetpilot der Bundeswehr, fällen. Dieser ist wegen 164-fachen Mordes angeklagt. Und zwar deshalb: Am 26. Mai 2013 erhält Koch den Befehl, einen vollbesetzten, von Terroristen entführten Airbus A320 vom Kurs abzudrängen, was ohne Erfolg bleibt. Die Täter wollen die Passagiermaschine in die ausverkaufte Münchner Allianz-Arena stürzen lassen, in der 70.000 Zuschauer ein Fußballspiel sehen wollen. Lars Koch entscheidet, gegen den Befehl seines Vorgesetzten, das Flugzeug abzuschießen. Alle 164 Passagiere inklusive Besatzung sterben. Ist Koch nun schuldig, weil er 164 Menschen sterben ließ, um 70.000 weitere zu retten?

Die Frage ist höchst kompliziert. Auf allen Ebenen: juristisch, moralisch, ethisch und philosophisch. Die Lösung des Falls begeistert seit der Uraufführung im Jahr 2015 zahlreiche Theaterbesucher, die – wie in Elmshorn – selbst in die Rolle der Richter schlüpfen dürfen. Ferdinand von Schirachs „Terror“ gilt als exzellentes Gerichtsdrama.

Was die Besucher an diesem Stück fasziniert, ist auch in Elmshorn bei der Inszenierung durch Thomas Goritzki zu erkennen. Die endlose bedeutungsschwangere Frage „Darf Menschenleben mit Menschenleben aufgewogen werden?“ bringt wohl jeden in einen individuellen Gewissenskonflikt zwischen Recht und Moral. Dabei ist es zunächst simpel. Laut § 14 Abs. 3 des Luftsicherheitsgesetz, das vom Bundesverfassungsgericht als verfassungswidrig eingestuft wurde da es gegen das Grundrecht auf Leben und die Menschenwürde verstößt, darf Lars Koch das zivile Flugzeug mit Passagieren an Bord nicht abschießen - nur mit Terroristen an Bord aber schon.

Mitleid mit dem Piloten

Irgendwie wollen sich die Theaterbesucher, die Richter, damit nicht abfinden. Mitleid regt sich in den Zuschauerreihen, der arme Mann hat schließlich 70.000 Menschenleben gerettet. Und spätestens hier merken wir, dass Schirachs Gerichtsdrama und Goritzkis Inszenierung ein Meisterwerk an Manipulation sind. Schauspiel, Inszenierung und Drehbuch auf höchsten Niveau.

Letztendlich besteht „Terror“ aus zwei Ebenen. Da ist einmal das geltende Recht. Darf er, darf er nicht? Schuldig oder unschuldig? Rechtswidrig oder nicht? Jeder Jurist gibt auf diese Frage eine andere Antwort – manche begründen die Unschuld des Piloten mit einem „Entschuldigungsgrund“ (übergesetzlicher entschuldigender Notstand).

Seit 2015 streiten sich Rechtsexperten. Aber nun ist dieses Drama nun mal nicht für Jurastudenten und Rechtsprofessoren geschrieben worden, sondern für den normalen Theaterbesucher. Und diese interessiert eigentlich nur die andere Ebene, die Instanz der Moral. Natürlich ist diese versteckt unter den zahlreichen Gesetzen, Rechtsbeispielen und Paragraphen. Während der Vorsitzende Richter Paragraphen herrunterleiert, verbündet sich das Publikum mit dem „menschlichen“ Verteidiger. Mit Fahrradband um die Hose, ein bisschen zerzaust, gegen die ganzen gerichtlichen Formalitäten agierend, steht er dem sieht sich der Ottonormalverbraucher nah. Seine Gegenspielerin ist die steife, leicht zickige Staatsanwältin, streng gekämmtes Haar, penetrante Stimme.

Exzellentes Ensemble

Dazu kommt die Nebenklägerin, das Klischee der trauernden Witwe mit Perlenohrringen und gediegenem Kostüm. Man kann sich dieser perfekten Manipulation durch Drehbuch und Regisseur nicht entziehen.

Die Schauspieler schlüpfen in diese maßgeschneiderten Rollen und sie verändern durch herausragendes Spiel die Bedeutungsebene. Das Ensemble um Johannes Brandrup, Christian Meyer, Annett Kruschke agiert hochüberzeugend. Das wird spätestens bei den Abschlussplädoyers klar. Da wird im Streitgespräch mit Kant und anderen philosophischen Abhandlungen nur so um sich geschmissen, Menschlichkeit und Moral bestimmen den Diskurs.

Am Ende ist es einfach. Die philosophische und moralische Ebene bleibt, verkörpert durch Kunst. Denn letztendlich bleibt dieses Stück Kunst, exzellente Kunst. Das sollte bei all den Vorwürfen „Terror“ spiele mit dem Grundgesetz, der Verfassung, der Menschenwürde berücksichtigt werden. Am Ende stimmen, wie in fast allen anderen Aufführungen, auch die Elmshorner für „nicht schuldig“.

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