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Welt-Alzheimertag : Vom Finanzamt auf die Demenzstation

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Wolfgang Strauß leitet den Wohnbereich „Langelohe“ im Elmshorner Pflegezentrum Elbmarsch. Pfleger sind gleichzeitig auch Seelsorger für die Bewohner.

shz.de von
erstellt am 21.Sep.2014 | 10:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Routine, eingeschliffene Pfade. Auf das, was manche Menschen in ihrem Beruf als Stütze empfinden, muss Wolfgang Strauß verzichten. Der 57-Jährige  leitet den Wohnbereich „Langelohe“ des Pflegezentrums Elbmarsch in Elmshorn. 32 Menschen leben hier. Sie alle haben eine sogenannte gerontopsychiatrische Erkrankung, die meisten – mehr als 90 Prozent – eine der verschiedenen Formen von Demenz, zu denen auch die Alzheimer-Krankheit zählt. „Kein Tag gleicht dem anderen“, sagt er. Einen festen zeitlichen Ablauf, ein Korsett, an das sich die Bewohner halten müssen, gibt es nicht. „Niemand schreibt hier beispielsweise vor, wann jemand zu Bett zu gehen hat. Es kann durchaus passieren, dass zu Beginn der Frühschicht um sechs Uhr morgens die halbe Station auf den Beinen ist. Das ist immer ein Überraschungspaket“, so Strauß. Auch Angehörige dürften jederzeit vorbeikommen und sogar vor Ort übernachten.

Doch trotz aller Autonomie: Wer „auf Langelohe“ wohnt, der ist auf Hilfe angewiesen. Insgesamt 16 Pflegekräfte kümmern sich um alles, was anfällt, unterstützen die Bewohner beim Aufstehen und Ankleiden, bei der Körperpflege ebenso wie beim Toilettengang und passen nebenbei noch auf, dass niemand orientierungslos die Einrichtung verlässt und sich selbst in Gefahr bringt. Zudem leisten die Betreuer Hilfe bei der Nahrungsaufnahme und achten darauf, dass ausreichend getrunken wird. „Dass Senioren zu wenig Flüssigkeit aufnehmen, ist ein generelles Problem. Für Demenzkranke gilt das in besonderem Maße“, betont Strauß, der als Stationsleiter selber mit anpackt. Der 57-Jährige weiß, dass, von diesen Tätigkeiten abgesehen, noch eine ganze Menge mehr zu seinem Beruf gehört. Seelsorgerische Kompetenz zum Beispiel. Denn weil soziale Beziehungen der Bewohner untereinander eher selten entstünden, seien häufig die Pflegekräfte die eigentlichen Bezugspunkte, gleich nach den Angehörigen. „Man muss Nähe zulassen können, die Fähigkeit besitzen, Menschen zuzuhören und  ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie nicht allein sind“, so Strauß. Für die Arbeit auf der Station halte er deswegen eine gewisse Lebenserfahrung für unerlässlich.

Das deckt sich auch mit seiner eigenen Biografie. Denn Strauß ist ein Quereinsteiger. Die  ersten 20 Jahre seines Berufslebens verbrachte der gebürtige Elmshorner in einer ganz anderen Branche – nämlich auf dem Finanzamt. Doch dort hatte er irgendwann die Nase voll. „Ich wollte mit Menschen arbeiten. Und der Kontakt zu Bürgern wurde auf dem Amt mit der Zeit immer seltener“, erinnert er sich. Zunächst stand eine Erzieherausbildung im Raum. Doch die Demenzerkrankung seines Vaters ließ letztlich den Entschluss in ihm reifen, es auf diesem Sektor zu versuchen. Nach etlichen Stationen in Elmshorn und Umgebung, landete er 2008 „auf Langelohe“ – in jenem Jahr wurde das Pflegezentrum gleich neben dem Elmshorner Klinikum eröffnet. Bereut habe er die Entscheidung nie. „Das Schöne ist, dass ich hier jeden Tag unmittelbar Rückmeldungen über das eigene Tun erhalte“, sagt Strauß, dem man die Freude im Umgang mit den Bewohnern anmerkt. Ebenso so wie den Respekt ihnen gegenüber. Schließlich habe jeder Bewohner seine eigene Biografie und Lebensleistung vollbracht – und verdiene daher einen entsprechenden Umgang, was schon mit der Anrede beginne. „Bei uns“, sagt Strauß, „wird jeder Bewohner gesiezt.“

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