Dampftage : Volle Kraft voraus in Elmshorn

Felix Piel, 3, aus Norderstedt erwartete mit seiner Mutter Barbara gespannt die Vorbeifahrt des Dampf-Modellzugs.
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Felix Piel, 3, aus Norderstedt erwartete mit seiner Mutter Barbara gespannt die Vorbeifahrt des Dampf-Modellzugs.

Mehrere hundert Besucher besuchten das Industriemuseum, um Modellbahnen und -schiffe zu bewundern.

shz.de von
22. Januar 2018, 16:23 Uhr

Der zehnjährige Fabian Koch beobachtet genau, wie sich das kleine Speise-Wasserrohr verhält, dass oben auf der Modell-Lok auf einer Öffnung sitzt. Während Fabian unterm Tisch die Hand am Wasserhahn hat, um bei Bedarf den Nachschub sofort zu stoppen, erzählt sein Vater Tobias von den Fans der „Echt-Dampfloks“. Das sind Modellbahnen, die von richtigen Dampfmaschinen angetrieben werden, also auch Wasser für ihre Kessel brauchen und Gas fürs Feuer.

„Das sind Leute aus ganz Norddeutschland, die sich hier treffen“, berichtet Koch. „Hier“, das ist an diesem Wochenende das Elmshorner Industriemuseum: Zum siebten Mal werden dort die Elmshorner Dampftage ausgerichtet. Wegen des großen Andrangs im Vorjahr sind die Dampftage diesmal auf zwei Tage, Sonnabend und Sonntag, verlängert worden. Bis Sonntagmittag bleiben die Zahlen allerdings hinter den mehr als 900 Besuchern aus dem Vorjahr zurück.

Fabian und Tobias Koch haben ihre Modelle im Gartenbahn-Maßstab im Erdgeschoss des Museum aufgebaut. Eine Handvoll Dampf-Modellbahner hat dort einen Rundkurs mit ein paar Nebengleisen angelegt: „Wir sind ein Freundeskreis, der sich regelmäßig trifft“, erzählt Tobias Koch. „Wir kriegen einen schönen Raum, das Museum eine Attraktion“, beschreibt sein Kollege Georg Feuchter das Tauschgeschäft. Dann muss er sich wieder ums Konstruieren kümmern: „Wir brauchen noch ein paar Bierdeckel“, eine Weiche muss unterfüttert werden, die Lokomotiven bleiben an der hakeligen Stelle immer wieder hängen.

Tobias Koch schwärmt inzwischen von seiner Lokomotive. Die hat er zwar als Bausatz gekauft und zusammengesetzt, aber danach sah sie im Vergleich zu heute „viel schlechter aus, und es fehlten Funktionen“. Koch arbeitet weiter; nun ist die Lok schick, sie tutet mit einer echten Dampfpfeife, hat Beleuchtung und das Gasregelventil kann per Fernsteuerung bedient werden. „Das Schöne ist, dass immer etwas zu basteln ist“, stellt der Braunschweiger fest.

Die Enthusiasten, die am Wochenende ihre Modelle, Maschinen und Anlagen im Industriemuseum aufgebaut haben, erzählen gern von ihrem Hobby. Sie finden faszinierte Zuschauer und begeisterte Partner zum Fachsimpeln. Das Publikum ist in der klaren Mehrheit männlich – Frauen sind als Omas oder Mütter vor allem für die Begleitung zuständig – und oft entweder noch Kind oder schon Rentner.

Der dreijährige Felix Piel aus Norderstedt sitzt mit unerschütterlicher Geduld vor den Modellbahn-Gleisen im Erdgeschoss und beobachtet das Treiben vor sich. „Eisenbahn“, seine Mutter Barbara kennzeichnet die Leidenschaft mit einem Wort. Wie schon im vergangenen Jahr, hat sie einen Besuch bei Felix’ Opa in Elmshorn so gelegt, dass er auf den Dampftag fällt. Ein Stockwerk höher erzählt die Elmshornerin Meike Dechow fast das Gleiche von ihrem sechsjährigen Sohn Matti Oke Dahm: „Dampfmaschinen, Eisenbahn, solche Geschichten spielt er stundenlang“.

Harro Kohs hat einfach nie mit dem Spielen aufgehört: „Das wächst mit dem Kind“, meint er lapidar zu den beiden Platten voller kleiner Aggregate, die er aufgebaut hat. Sie zeigen das Ergebnis jahrzehntelangen Bastelns: Ursprung war eine Dampfmaschine auf einer Platte, in der modernen Version aus der Mitte der 1950er durch einen E-Motor ersetzt. Von Maschine oder Motor laufen jede Menge Transmissionsriemen zu kleinen Aggregaten und treiben sie an: Riesenrad, Karussell, Schöpfketten, Sägen. „Man muss Fantasie haben“, sagt Kohs und weist auf eine Kieswaschanlage, die aus einem alten Pkw-Ölfilter besteht. Als Kind nahm er den Stabilbaukasten zum Konstruieren, später lieferten ihm alte Kassettenrekorder kleine Räder, die er brauchen konnte. Und zum 50. Geburtstag bekam er dann endlich die kleine Dampfmaschine geschenkt, die einen der beiden Tische mit Energie versorgt.

Klaus Linke aus Schenefeld denkt dagegen schon intensiv über seinen Nachlass nach: Eine Handvoll seiner selbst gebauten Dampfmaschinen – konstruiert als Antrieb für Modellschiffe – will er noch am Sonntag nach Kiel bringen, um sie dort dem Maschinenmuseum zu schenken. Linke hat bei einem Kollegen miterlebt, wie dessen Nachkommen die Früchte jahrelangen Fertigens aus Unkenntnis verschleuderten, das will er seinen Maschinen ersparen.

Das Bauen geht weiter: „Ich bin bei Nummer 13“. Drei Monate lang, sieben Tage pro Woche und fünf bis sechs Stunden pro Tag veranschlagt er, bis eine Dampfmaschine fertig ist. Wobei Linke einräumt, dass er nicht alles selbst macht: „Die Schrauben kaufe ich“. Und wenn das nach diesen vielen Stunden alles klappt, „wenn das funktioniert, wie gedacht, dann ist man happy“, beschreibt Linke den magischen Moment des ersten Probelaufs. Und dann? „Und dann geht man bei und baut die nächste“.

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