zur Navigation springen
Elmshorner Nachrichten

16. Dezember 2017 | 08:56 Uhr

Elmshorn : Vier Bücher unter der Lupe

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Projekthaft? Konstruiert? Oder einfach hohe Kunst? „Literarisches Quartett“ der Elmshorner Nachrichten diskutiert im Forum der KGSE.

shz.de von
erstellt am 29.Sep.2014 | 16:00 Uhr

Elmshorn | Nicht fünf wie sonst, sondern nur vier Stühle standen auf der Bühne bereit, als das „Literarische Quartett“ der Elmshorner Nachrichten am Freitagabend zusammenkam. Im KGSE-Forum entschuldigte Moderator Knuth Penaranda die Vorsitzende des Elmshorner Kunstvereins Christel Storm, die dieses Mal krankheitshalber nicht teilnehmen konnte. Ihren Part übernahm Penaranda selbst, und so stellte der EN-Redakteur „zum ersten Mal in elf Jahren“ beim Quartett selbst ein Buch vor. Weiter dabei: die Lehrerin Barbara Lutz, der Journalist Dierk Wulf und als Gast Dr. Ernst Thies, ehemaliger Chefarzt im Elmshorner Krankenhaus, zum dritten Mal in der Runde.

Dierk Wulf präsentierte den „Frühling der Barbaren“ des Schweizer Autoren Jonas Lüscher als erstes Buch des Abends. Darin geht es um junge englischer Banker, die während eines Tunesien-Aufenthalts vom britischen Staatsbankrott überrascht werden und – urplötzlich mittellos auf sich selbst gestellt – schnell in die Barbarei zurückfallen. „Da ist plötzlich Panik im Paradies, und die Wüste bebt“, berichtet Wulf augenzwinkernd. Ein starkes Bild bietet das Buch, so Wulf, wenn „die Banker mit ihren Rollköfferchen durch die Wüste ziehen.“ Während Penaranda an dem Buch das „offensichtlich Projekthafte“ kritisierte, meinte Barbara Lutz, es erinnere sie daran, „wie wir alle uns manchmal selbst verhalten“. Dr. Ernst Thies lobte die vielen Feinheiten, die der Autor ausbreite, was allerdings an der einen oder anderen Stelle etwas altklug wirke. Ob es sich beim „Frühling der Barbaren“ um eine Novelle im klassischen Sinn handle, ließ Wulf offen, „novellig“ sei das Buch allemal, im Aufbau und auch von der manchmal erfrischend altmodischen Sprache her.

Dr. Ernst Thies stellte den Roman „Das unerhörte Leben des Alex Woods oder Warum das Universum keinen Plan hat“ von Gavin Extence vor – ein Buch, das ihm von Thema und Handlung her Gelegenheit für seine beliebten „medizinischen Blicke“ auf die Literatur gab. Denn bei aller Konstruiertheit der Handlungsabläufe und Absonderlichkeiten der Figuren geht es um nichts weniger als um das große Thema Sterbehilfe. Dr. Thies: „Da kann man am Ende des Buches schon einmal seine bisherige Meinung infrage stellen!“ Medizinisch sei das Buch „fein beobachtet“ und sprachlich „fein gewebt“. Der Arzt: „Legen Sie sich Tempotaschentücher bereit – es ist sehr rührend.“ Barbara Lutz möchte diese Euphorie nicht teilen: „Es ist nichts mehr als gute Unterhaltung“, meinte sie und kritisierte ganz besonders, dass das Thema Sterbehilfe so eindimensional und undifferenziert darstellt werde. Dierk Wulf schlug in die gleiche Kerbe, als er fragt: „Ist das nun ein Unterhaltungsroman oder eine Anleitung zum Selbstmord?“ Ihm komme es vor wie eine Werbeschrift für die Sterbehilfe. Knuth Penaranda dagegen lobte das Buch für seine „großen Bögen“, ja sogar für den „langen Anlauf“, den es nehme. Es sei eine Hymne auf das Anderssein und darauf, andere Lösungen zu finden.

Nach einer Pause, in der die etwa 90 Gäste des „Literarischen Quartetts“ nicht nur die Gelegenheit hatten, sich das Forum und das Foyer der neuen KGSE näher anzuschauen, sondern sich auch an einem Stand mit belegten Brötchen, Brezeln und Kuchen zu stärken, mit dem Schüler der KGSE ihre Klassenkasse aufbesserten, stieg Knuth Penaranda mit dem Roman „Nicht mir mir“ des norwegischen Schriftstellers Per Petterson wieder in die literarische Diskussion ein. Darin geht es um Kinder und Jugendliche, aber auch um Erwachsene mit schweren Schicksalen. „Unglaublich atmosphärisch dicht“ seien die Schilderungen; es kommen „Erinnerungen an die eigene Kindheit hoch“; „düster“ gehe es zwar zu, aber es sei „alles wahr“, man könne lernen, was alles falsch laufe. Insgesamt sei das Buch „ein Beipackzettel für das Leben“. Dieses große Lob wurde auch von den anderen Podiumsteilnehmern geteilt: Wulf sprach von der „hohen Kunst“ Pettersons, Lutz bescheinigte ihm ein „bemerkenswertes psychologisches Einführungsvermögen“ und Thies hob hervor, dass das Buch „ganz fantastisch“ sei, man könne damit sofort ein Seminar für Psychologie aufmachen.

So vielgestaltig wie der Roman „Vor dem Fest“ von Sasa Stanisic war auch die ausführliche Darstellung seines Inhalts durch Barbara Lutz. Sie führte die Zuhörer ins uckermärkische Fürstenfelde, in die Nacht vor einem Dorffest, in der Autor Stanisic eine Art Bestandsaufnahme der Bewohner und ihrer Befindlichkeiten macht. So entsteht der Roman einer langen Nacht, in der viel geschieht, sich aber scheinbar nur wenig bewegt. Mit spürbarer Freude stellte Lutz das Personal des Buches und ihre Beweggründe vor: skurrile Typen, Getriebene, Beschädigte, Menschen und Tiere. Dabei, so Lutz, malt der Autor ein Bild, das aus vielen kleinen Bestandteilen zusammengesetzt ist.

„Im Zeichen des Globalen macht Stanisic auf das Kleine im Großen aufmerksam“, so die Rezensentin, „auf Menschen und Einzelheiten, auf Schönes und Schreckliches“. Das alles habe sie „nicht ohne Mühe gelesen, aber sehr genossen“. Diese Einschätzung teilte auch Knuth Penaranda: „Ich war im positiven Sinn immer wieder erschlagen von den vielen Kleinigkeiten, die einfach großartig beschrieben werden.“ „Ein „Feuerwerk von Sprache“ bestätigte auch Dr. Ernst Thies. Dierk Wulf unterstrich die „Meisterschaft Stanisics beim Zeichnen seiner Figuren“ und hob darüber hinaus den großen Humor hervor, der sich durch das gesamte Buch ziehe. Es sei ein Wende-Roman und zugleich ein Dorfporträt, das nicht nur die Uckermark widerspiegele.

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen