zur Navigation springen

Wochenserie Inklusion : Unterricht in der Psychiatrie

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Die Schule in der Kinder- und Jugendpsychiatrie kümmert sich um Schüler, die wegen seelischer Erkrankungen eine Therapie machen.

Elmshorn | Wolfgang Borchert-Koschany hat vielleicht den buntesten Arbeitsplatz in der Stadt. Alle Wände sind in verschiedenen Farben gestrichen und überall hängen Bastelarbeiten, Bilder, Tierfiguren und Blumen aus Tonpapier. Es sieht freundlich aus, aber hier geht es nicht immer freundlich zu. Denn die Kinder und Jugendlichen, die hier beschult werden, durchleben seelische Krisen.

Borchert-Koschany ist Leiter der Schule in der Kinder und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie (KJPP) des Klinikums Elmshorn. Krankenhausunterricht ist ein anderes Wort dafür. Zehn Lehrkräfte und Schulsozialpädagogen arbeiten hier und bekommen hin und wieder Schimpfwörter zu hören. „Aber wir müssen erkennen, dass sich das Kind in einer Notlage befindet.“ Die Schule gehört zum Förderzentrum Paul-Dohrmann-Schule und unterrichtet Schüler von der Grundschule bis zum Gymnasium. Dabei steht allerdings nicht das Erreichen irgendwelcher Klassenziele im Vordergrund. Viel mehr geht es darum, keine allzu großen Lücken entstehen zu lassen: „Wir sagen den Schülern, dass sie nicht hier sind, um besser in der Schule zu werden. Sie sind hier, um gesund zu werden“, sagt die Lehrerin Carola Latzel-Kröger. Doch gesund werden ist ein langer Prozess bei einer psychischen Erkrankung und oft überhaupt nicht möglich.

Die Schule der KJPP zog 2014 in die Räume des Förderzentrums Paul-Dohrmann-Schule ein. Vorher hatte man in Räumen in der Klinik unterrichtet; zum Teil auf dem Flur, weil der Platz nicht reichte. „Wir hatten erst große Bedenken, als wir hier hergezogen sind. Am Ende waren wir erstaunt, wie gut das klappt“, sagt der Schulleiter Wolfgang Borchert-Koschany. Aus seiner Sicht sei eine räumliche Trennung zwischen Therapie und Schule zu begrüßen. Ein Problem, dass alle Lehrer im Krankenhausunterricht sehen ist aber der Schulweg zwischen Klinik und Förderzentrum. Etwa zwei Kilometer ist er lang. Es gibt keinen Fahrdienst, so dass die Schüler ihn zu Fuß zurücklegen müssen. Für manche Kinder ist das ein Hindernis, wenn der Weg etwa zu lange dauert und eine Therapiesitzung ansteht. Einige Kinder schaffen den Weg aus anderen Gründen nicht. Sie sind nicht sicher im Verhalten und könnten auf die Straße laufen. Probleme sind Schwierigkeiten bei der Gefahreneinschätzung oder unangemessenes Verhalten. Eine Beschulung ist dann in der Paul-Dohrmann-Schule nicht möglich. Über die Übernahme von Kosten für einen Fahrdienst herrscht Unklarheit. Derzeit werden  von der Stadt Elmshorn die Pläne für einen Anbau an die Klinik diskutiert, der Schulräume beherbergen soll.

In der Klinik werden nahezu alle seelischen Störungen behandelt. Hier gibt es Patienten, die ihre Umwelt anders wahrnehmen, die Angst- oder Bindungsstörungen haben oder depressive Episoden durchleben. Diese Erkrankungen haben auch Einfluss auf den Unterricht. „Manchmal gibt es eine Dynamik in der Gruppe. Einer fängt an zu weinen, dann fangen alle anderen auch damit an“, erzählt Latzel-Kröger. Die Lehrer im Krankenhausunterricht kennen sich daher gut mit den verschiedenen Erkrankungen aus, nehmen regelmäßig an Fortbildungen teil und tauschen sich viel mit den Ärzten und Therapeuten aus. Sie haben Strategien entwickelt, wie bestimmte Situationen aufgelöst werden können.

Borchert-Koschany führt eine Methode vor und schmeißt einen Süßstoffspender unvermittelt auf den Boden. Solche paradoxen Handlungen würden viele Kinder ablenken und helfen, aus einer schwierigen Situation herauszukommen. Eine gute Taktik, wenn ein Wutanfall drohe. Für manche Schüler ist ihr Schulleben vor der Therapie ein schwieriges Thema. Manche haben Ängste, werden gemobbt oder stehen unter großen Druck. So ist die Schule in der KJPP auch ein Übungsraum für die Zukunft, wenn es besser laufen soll. Der Austausch mit der Heimatschule ist deshalb ein wichtiger Teil an der Schule. „Alle Kinder, auch die sogenannten Schulversager und -verweigerer, kommen hier gerne her“, sagt der Lehrer André Krüger. Schulleiter Borchert-Koschany erklärt, warum das so ist: „Wir sagen den Kindern ‚Du bist nicht verkehrt.’ Und wir unterstützen sie dabei, wie sie trotz ihrer Schwierigkeiten besser in der Schule zurecht kommen können.“

Für Lehrer im Krankenhausunterricht gebe es in Deutschland keine Ausbildung, erzählt Borchert-Koschany. Menschen, die hier arbeiten müssten, aber ganz bestimmte Fähigkeiten haben. „Wir müssen mit den Schülern über vieles gemeinsam lachen können. Sonst würden wir das nicht aushalten“, sagt Borchert-Koschany. Auch Reflexion sei eine wichtige Fertigkeit. Sie helfe dabei herauszufinden, was dahintersteckt, etwa wenn ein Kind einen beschimpft.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 15.Apr.2016 | 16:30 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen