"Und wieder musste ein Bomber runter"

Michael Tesch (li.) und Olaf Weddern an der Propellernabe der englischen Handley-Page 'Halifax', die am 20. Januar 1944 bei Horst ins Torfmoor fiel.  Foto: sch
Michael Tesch (li.) und Olaf Weddern an der Propellernabe der englischen Handley-Page "Halifax", die am 20. Januar 1944 bei Horst ins Torfmoor fiel. Foto: sch

Zwei Hobby-Historiker forschen auf den Spuren des Luftkampfes im Zweiten Weltkrieg

shz.de von
29. März 2011, 06:33 Uhr

horst | Am 11. September 1940 berichteten die "Elmshorner Nachrichten" in ihrem Horster Teil über den Abschuss eines englischen Flugzeuges im Bereich Klein Offenseth-Sparrieshoop.

In der Nachricht heißt es: "Als Vergeltung für London versuchten in der Nacht von Sonntag zu Montag englische Bomber einen Großangriff auf Hamburg, der misslang. In der näheren Umgebung der Hansestadt kam es dann zu wahllosen Bombenabwürfen aus großer Höhe, bei denen eine englische Maschine bei Elmshorn dran glauben musste. Mitten in einem Feld zwischen einigen Häuschen liegen die Überreste der Maschine, die in großer Höhe von der Flak erwischt wurde und dann auf deutschem Boden ihr Ende fand."

Im Folgenden wird präzise beschrieben, wie sich der Absturz vollzog, welche Teile der zweimotorigen Handley-Page "Hampden"-Maschine verstreut am Boden lagen und dass noch zwei Bomben aus dem Rumpf des Flugzeuges "mühelos sichergestellt" worden wären.

Die betroffene Besatzung konnte sich übrigens mit dem Fallschirm retten und wurde gefangen genommen. Die Zeitung erwähnt "einen Staffelkapitän, einen Major und drei blutjunge Sergeanten". Was aus ihnen wurde, ist nicht beschrieben.

Um die Aufklärung von Fliegerschicksalen aus dieser Zeit geht es Michael Tesch (45) aus Horst und Olaf Weddern (40) aus Kleinkummerfeld. Beide suchen mit Genehmigung des Archäologischen Landesamtes im Boden nach Überresten abgeschossener Flugzeuge.

"Insgesamt sind während der Zeit des Zweiten Weltkriegs über 1000 Militärmaschinen über Schleswig-Holstein abgeschossen worden - deutsche wie alliierte. Rund 100 fielen nach Luftkämpfen oder Flak-Beschuss auf Steinburger Gebiet", sagt Olaf Weddern.

Der Grund für die Häufung im Südwesten des Landes: "Die Alliierten versuchten auf ihrem Weg nach Berlin oder Kiel, möglichst Hamburg zu umfliegen, und nutzten die Kreise Pinneberg und Steinburg als Ein- und Ausflugschneise, trafen aber auch hier auf deutschen Widerstand", erklärt Michael Tesch.

Wählten die Bomberverbände den Weg nördlich über die Elbe, bekamen sie es zum Beispiel mit den Abfangjägern zu tun, die auf den Flugplätzen von Uetersen, Kaltenkirchen oder Neumünster stationiert waren. Die deutschen Bordbesatzungen verwickelten die Alliierten nicht selten in Luftkämpfe.

Eine weitere Gefahr drohte ihnen vom Boden. Michael Tesch: "Die Flugplätze waren durch Flak-Geschütze gesichert. Die Bodenabwehr unterstützte den Luftkampf deutscher Jäger und schoss ebenfalls auf die gegnerischen Flugzeuge." Darüber, wie viele Flugzeuge sich auf den einzelnen Flugplätzen befanden, gibt es keine gesicherten Zahlen. "Die Einheiten wurden ständig verlegt", so Olaf Weddern.

Ab 1944 kam es zu einem verstärkten Überflug von alliierten Bomberverbänden über Schleswig-Holstein: "Es waren jeweils hunderte Flugzeuge, die in Wellen kamen und zu den entfernten Zentren flogen, um dort die Bomben abzuwerfen", erläutert Michael Tesch. Doch nicht nur Berlin oder andere Großstädte hatten unter den Angriffen zu leiden. "Bei uns kam es häufig zu Notabwürfen - vor oder nach Erreichen des eigentlichen Zielgebietes. Entweder weil die Bomber nicht alle Lasten über Berlin oder anderswo losgeworden sind oder weil sie nach Beschuss sicherer notlanden wollten. In Heisterende zum Beispiel wurden mehrere Bombenabwürfe registriert."

Die Flugzeuge, die bekanntermaßen im Bereich der Gemeinde Horst zu Boden gefallen sind, hat Michael Tesch registriert. Es handelt sich um insgesamt acht Maschinen, die zwischen 1942 und 1945 nach Luftkämpfen oder nach Flaktreffern den eigenen Flughafen nicht mehr erreichten.

Eine dieser Maschinen war eine englische Handley-Page "Halifax" die am 20. Januar 1944 ins Torfmoor bei Horst fiel. "Sie wurde von Flak und Nachtjägern angegriffen, insofern ist nicht genau bekannt, was letztlich zum Absturz führte", erklärt Michael Tesch.

Mehr weiß er über das Schicksal der englischen Flieger: "Sergeant Ferguson, den Bordingenieur, fand man sofort." Tot. Er lag im Cockpit. Ein zweiter Toter wurde erst sieben Jahre später, am 28. Mai 1951, beim Torfstechen gefunden. "Es war Sergeant Sanderson, der Bordschütze." Die anderen fünf der siebenköpfigen Besatzung gingen in die Gefangenschaft. Und dann? "Wenn nichts passiert ist, wurden sie nach dem Krieg entlassen, es sei denn, sie haben die Gefangenschaft nicht überlebt", macht Olaf Weddern deutlich, dass ein überlebter Absturz in Kriegszeiten nicht das Ende aller Qualen gewesen sein muss.

Bekannt ist aber, dass der Bordingenieur am 21. Januar 1944 in Horst und nach seiner Exhumierung am 15. September 1947 in Kiel beigesetzt worden ist. Der Bordschütze wurde in Hamburg beerdigt. "Fälschlicherweise", sagt Olaf Weddern, "denn eigentlich hätte er neben seinem Kameraden in Kiel beerdigt werden müssen. Aber die Engländer hatten nicht gewusst, dass die beiden gemeinsam in der Maschine starben. Sie nahmen an, dass die Absturzstelle von Sergeant Senderson in Hörst bei Schleswig lag." Ansonsten galt der Grundsatz: "Flugzeugbesatzungen werden zusammen beerdigt." Noch heute erinnert eine Propellernabe der "Halifax", in einem Garten nahe der Absturzstelle, an den Abschuss.

Ein weiterer Vorfall aus der Zeit sei "der vom 5. Januar 1944, als bei Horstheide eine amerikanische B24 nach Flak-Treffern zu Boden fiel", berichtet Michael Tesch. Von den zehn Besatzungsmitgliedern, fast alles Kanadier, starben acht, zwei gerieten in Gefangenschaft. Michael Tesch: "Einer dieser Gefangenen kam in den 1970er-Jahren zu Besuch nach Horst. So weit mir bekannt ist, soll er in der Gefangenschaft gut behandelt worden sein."

Tragisch endete der Krieg für den Piloten eines alliierten Jägers, der drei Wochen vor der Kapitulation zwischen Horst und Horstmühle abgeschossen wurde: "Der Ort ist nicht genau lokalisiert, bekannt ist aber, dass der Pilot nach der Landung von einem deutschen Soldaten mit Kopfschuss gelyncht wurde. Er wurde dann im Wald verscharrt und vier Wochen später von Engländern ausgegraben", erzählt Michael Tesch. Er weiß, "dass an dem Tag abziehende deutsche Truppen aus alliierten Flugzeugen beschossen wurden und dass die Flak, die den Abzug sichern sollte, auf einem Eisenbahnwaggon auf der Bahnlinie stand".

Die weiteren Absturzstellen, die Michael Tesch notiert hat: Horst (27. Juli 1942): Absturz einer britischen "Wellington" im Bereich Horstheider Weg/Ecke Bahnhofstraße; Bereich Rethwisch (13. November 1943): Absturz einer deutschen "Me 109", der Pilot starb; Niederreihe (5. Januar 1944): Absturz einer amerikanischen "B17" nach Luftkampf mit deutschem Jäger mit zwei Überlebenden und acht Toten; Horstmoor (15. April 1944): Dort stürzte eine deutsche Focke Wulf nach Luftkampf ab; Kiebitzreihe (Datum unbekannt): Absturz einer britischen "Spitfire". Olaf Weddern hat weitere Abstürze in den Bereichen Beidenfleth, Wewelsfleth, Schenefeld und Hohenaspe sowie weitere 25 Absturzstellen notiert.

Dass so viele Bomber das deutsche Reichsgebiet überhaupt überfliegen konnten, das konnte oder wollte sich der Verfasser des erwähnten Artikels in den "Elmshorner Nachrichten" nicht vorstellen. Er schrieb abschließend: "Die Bewohner stehen in weitem Umkreis um ihren Britenbomber herum. Sie wissen, daß sie nicht ohne Schutz sind und sind durch solche nächtlichen Besucher nicht aus der Ruhe zu bringen. Sie haben die Gewissheit, dass jetzt Bombe um Bombe tausendfach vergolten wird und die Royal Air Force in nicht allzu ferner Zeit sie nicht mehr belästigen wird."

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