„Überaltert und abhängig“

Polo-Spieler Patricio Lalor beobachtet mit Sorge die Entwicklung in der argentinischen Fußball-Nationalmannschaft.
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Polo-Spieler Patricio Lalor beobachtet mit Sorge die Entwicklung in der argentinischen Fußball-Nationalmannschaft.

So denkt der argentinische Polo-Profi Patricio Lalor über seine fußballspielenden Landsleute / Gut Aspern drückt Argentinien die Daumen

shz.de von
25. Juni 2018, 10:42 Uhr

Bei der WM können Argentinien und Deutschland erst im Halbfinale am 10. oder 11. Juli aufeinandertreffen – wenn sie dann trotz des schlechten Vorrundenstarts noch im Wettbewerb sein sollten. Mit Sicherheit aber messen sich die großen Ballsport-Nationen schon am Sonnabend in Groß Offenseth-Aspern: im Polo. „Es geht um die Copa Centenario“, kündigte Christopher Kirsch (50) das Länderspiel an, das im Rahmen des „Bucherer High Goal Cup 2018 (Freitag bis Sonntag) stattfinden wird.

Zu diesem Event erwartet Kirsch, zugleich Kapitän des deutschen Nationalteams und mit Handicap +3 (höchste Kategorie: +10) zweitbester deutscher Polospieler, einige Top-Akteure aus Argentinien. „98 Prozent aller Polospieler kommen nicht über Handicap +1 hinaus“, erklärt Kirsch, „nur 30 von ihnen liegen zwischen +8 und +10.“

Doch bevor es von Freitag bis Sonntag am vierten Spieltag der Polo-Bundesliga (German Polo Tour) für sechs Teams „vier gegen vier“ darum geht, mit einem 1,30 Meter langen Schläger einen 130 Gramm schweren Ball in ein 7,20 Meter breites Tor zu schlagen, steht auf Gut Aspern der Fußball im Zentrum.

Auch für Patricio Lalor (27) aus Buenos Aires. „Argentinien muss ins Finale kommen, das erwarten alle unsere Fußballfans“, sagt der Poloprofi, der aus einer bekannten Polo-Familie entstammt und nun für ein Jahr bei Christopher Kirsch lebt: als Trainer und als Spieler im Team Aspern. „Unsere Familien kennen sich schon lange“, sagt Lalor.


Argentinien als zweite Heimat

Für Kirsch wurde Argentinien schon während seines VWL-Studiums zur zweiten Heimat, als er das Land zur Verbesserung seiner Spanisch-Kenntnisse bereiste und dort wie sein Vater Polo spielte. Er ist mit einer Argentinierin verheiratet, verbringt die kalte Jahreszeit „drüben“, bildet junge Pferde aus und unterhält beste geschäftliche und persönliche Kontakte.

Dass sich Argentinien in einer Fußball-Krise befindet und sich bisher bei der WM schwertat, lastet „Pato“ Lalor dem Verband an. „Schon bei einer Niederlage in einem Freundschaftsspiel wird der Trainer in Frage gestellt“, kritisiert er die Ungeduld der Funktionäre. Jorge Sampaoli ist seit 2006 der siebte, der sich als Coach versucht. „Die Lage ist konfus“, sagte Cesar Luis Menotti (78), Trainer der 1978 im eigenen Land erfolgreichen Argentinier, schon nach der glücklichen WM-Qualifikation gegen Ecuador, die nur durch die Rückkehr Lionel Messis ins Team und dessen Hattrick noch möglich geworden war.


Im Team dreht sich alles um Messi

Die Mannschaft sei überaltert und abhängig von Messi. „Er ist Spieler, Trainer und Präsident zugleich“, sagt Lalor. „Und weil Messi nicht mit Paulo Dybala kann, stellt der Trainer eben Pavon auf, auch wenn Dybala vielleicht der bessere Stürmer wäre.“

Ginge es nach Lalor würde Diego Simeone (Atletico Madrid) der neue Trainer Argentiniens. Einstweilen hofft er jedoch gemeinsam mit dem Stallpersonal in Aspern, das 40 Pferde aus argentinischer Zucht (Polo Argentino) trainiert und durchgängig argentinisch ist, dass sich sein Land gegen Nigeria (heute, 20 Uhr) fürs Achtelfinale qualifiziert.


Lieber Pferdesattel als Fußballschuhe

Das Spiel verfolgt er am TV im Büro zusammen mit seinen Landsleuten und Chef Christopher Kirsch. Seine eigenen Fähigkeiten im Fußball hält Patricio Lalor eher für begrenzt. Der über 1,90 Meter messende junge Mann sieht sich als robuster Verteidiger. „In Argentinien treffe ich mich am Wochenende in Country-Clubs zum Spielen fünf gegen fünf plus Torhüter auf Kleinfeldern“, sagt er.

Wohler fühlt er sich jedoch im Sattel der 1,56 bis 1,66 Meter (Stockmaß) großen Polopferde. Dass ein Polofeld sechsmal so groß ist wie ein Fußball-Areal macht ihm wenig aus. „Pato hat ein hohes Schlagpotenzial und kann den Ball schon mal über 100 Meter weit schlagen“, sagt Christopher Kirsch.

Lalor will auf Gut Aspern neue Spielideen sammeln. Sein Nahziel sind die Argentinian Open im November: „Dort spielen die weltweit besten Spieler vor 25 000 Zuschauern in einem reinen Polostadion.“ Mit Handicap +4 wird er es aber schwer haben, sich für ein Team zu empfehlen. Wer ihn live sehen will, kommt am Wochenende auf das Gut Aspern, sieht dann vielleicht auch Ex-HSV-Profi Rodolfo Cardoso, der zur 3000 Menschen großen norddeutschen argentinischen Community gehört und beim Polo gern Landsleute trifft.

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