Stockbetten, Hagebuttentee und Klassenfahrten : Über den Vater der Jugendherbergen

Dieses Foto, auf dem Harald Schirrmann mit seinem Vater, seiner Mutter und seinen Schwestern abgebildet ist, wurde 1949 aufgenommen und erschien 1984 auf der Titelseite einer Zeitschrift des Amerikanischen Jugendherbergswerks.
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Dieses Foto, auf dem Harald Schirrmann mit seinem Vater, seiner Mutter und seinen Schwestern abgebildet ist, wurde 1949 aufgenommen und erschien 1984 auf der Titelseite einer Zeitschrift des Amerikanischen Jugendherbergswerks.

Der Elmshorner Harald Schirrmann ist der Sohn von Richard Schirrmann, der 1909 das Deutsche Jugendeherbergswerk gründete.

shz.de von
10. April 2018, 16:00 Uhr

Elmshorn | Stockbetten, Hagebuttentee und Klassenfahrten – wohl jeder Deutsche hat irgendwann in seinem Leben schon einmal eine Nacht in einer Jugendherberge verbracht. Es war Richard Schirrmann, der 1909 das Deutsche Jugendherbergswerk gegründet und damit eine Millionen-Bewegung ins Leben gerufen hat. Sein Sohn, Harald Schirrmann, lebt heute mit seiner Frau Dörthe in einem kleinen Reihenhaus in Elmshorn.

Andächtig blättert Harald Schirrmann in einem dicken Aktenordner, in dem er Zeitungsartikel von uns über seinen berühmten Vater aufbewahrt. Als der heute 79-Jährige im hessischen Grävenwiesbach als das fünfte von sechs Kindern geboren wurde, war sein Vater bereits 65 Jahre alt. „Ich habe ihn immer als sehr mobilen und fitten Mann erlebt“, erzählt Schirrmann. „Wir lebten in einem großen Haus und es kam in meiner Kindheit immer wieder vor, dass große Gruppen von Wanderern bei uns auftauchten und ihre Zelte in unserem Garten aufbauten.“ Viele dieser Gäste leiteten selbst Jugendherbergswerke in England, Amerika oder Japan. Richard Schirrmann bereiste nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt, um für seine Idee auch in anderen Ländern zu werben. „Zuhause war er nur selten“, erinnert sich Harald Schirrmann.

Dörthe und Harald Schirrmann leben heute in einem kleinen Reihenhaus in Elmshorn. In einem dicken Ordner sammelt das Paar Zeitungsartikel von und über Richard Schirrmann und sein Werk.
Foto: Cornelia Sprenger
Dörthe und Harald Schirrmann leben heute in einem kleinen Reihenhaus in Elmshorn. In einem dicken Ordner sammelt das Paar Zeitungsartikel von und über Richard Schirrmann und sein Werk.
 

Die Gründungsgeschichte des Deutschen Jugendherbergswerks klingt aus heutiger Sicht fast ein bisschen wie eine Legende. Richard Schirrmann, geboren 1874 in Ostpreußen, arbeitete als Lehrer in Gelsenkirchen und unternahm mit seinen Schülern regelmäßig Tageswanderungen in die Natur, um die Kinder aus dem Smog des Ruhrgebiets herauszuholen. Seinen Vorgesetzten passte das garnicht. „Er wurde als ,wanderdoller Lehrer’ vor die Tür gesetzt“, erzählt Harald Schirrmann. Sein Vater wechselte 1903 nach Altena, eine Kleinstadt im Sauerland, und setzte die Wanderungen mit seinen dortigen Schülern fort. „Auf längeren, mehrtägigen Wanderungen war es aber schwierig für die Gruppen, eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden“, sagt Harald Schirrmann. Bereits 1907 richtete sein Vater deshalb für die Wanderjugend in seiner Schulstube die erste behelfsmäßige Jugendherberge ein. An ein Jugendherbergswerk war da aber noch nicht zu denken.

Herbergsnot führt zur Idee

Diese Idee entstand erst zwei Jahre später, genauer gesagt in der Nacht des 26. August 1909. „An diesem Tag geriet ich auf einer Wanderfahrt im Dörfchen Bröl im rheinländischen Bröltal in große Herbergsnot“, schreibt Richard Schirrmann Jahre später in einem Artikel für eine Zeitschrift des Jugendherbergsverbands. „Ein Großbauer dort hatte mich mit meiner Jungenschar nicht in seiner Scheune aufnehmen wollen, obgleich ein furchtbares Unwetter aufzog. Immerhin lieh er uns reichlich Haferstroh, mit dem ich in einer ferienstillen Schule ein gutes Nachtlager herrichtete.“

In dieser Nacht kam Richard Schirrmann der Einfall: In „jedem wanderwichtigen Ort in Tagesmarsch-Abständen“ sollte es eine „Einkehr für die wanderfrohe Jugend Deutschlands“ geben. Schirrmann begann, seine Idee zu verbreiten und fand finanzstarke Unterstützer im ganzen Deutschen Kaiserreich. Die erste ständige Jugendherberge Deutschlands wurde 1912 die Burg Altena, in der Schirrmann gleichzeitig selbst der erste Herbergsvater wurde. Heute ist das Deutsche Jugendherbergswerk Träger von 506 Jugendherbergen mit mehr als 10 Millionen Übernachtungen pro Jahr. Weltweit gibt es unter Aufsicht des Dachverbands Hostelling International etwa 4000 Jugendherbergen. Bei seiner Gründung im Jahr 1932 hieß der Verband Internationale Arbeitsgemeinschaft für Jugendherbergen – ihr erster Präsident war ebenfalls Richard Schirrmann.

Ehrungen und Überwerfungen mit den Nationalsozialisten

In dem großen Aktenordner von Harald Schirrmann finden sich zahlreiche Artikel über verschiedene Ehrungen und Auszeichnungen seines Vaters. So gibt es deutschlandweit mehrere Straßen, die seinen Namen tragen, ein Denkmal in Altena und ein Museum in seinem Haus in Grävenwiesbach. Dorthin musste die Familie während der Zeit des Nationalsozialismus umziehen. Denn zwar hatte Richard Schirrmann 1933 einen Vertrag zur Integration des Jugendherbergsverbands in die Hitler-Jugend unterzeichnet. Aber später überwarf er sich mit den Nationalsozialisten, musste 1937 aus Altena fliehen und lebte mit seiner Familie inkognito in Grävenwiesbach. „Wenn mein Vater auf Reisen war, schrieb er sich mit meiner Mutter in einer Geheimschrift“, erzählt Harald Schirrmann. „Sie warnte ihn auch, wenn die Nazis wieder auf seine Spur kamen.“

Harald Schirrmann selbst zog es aus beruflichen Gründen aus Grävenwiesbach fort. Zuletzt arbeitete er als Erzieher in einem Internat zur beruflichen Orientierung in der Feldstraße. Aber auch heute noch kehrt der 79-Jährige mit seiner Frau Dörthe immer wieder im Urlaub in einer Jugendherberge ein. Schirrmann: „Es ist nur schade, dass dort kaum noch jemand etwas mit dem Namen Schirrmann anfangen kann.“

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