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Serie: Gedenken nach 70 Jahren : Trauer und Gedenken nach 78 Jahren

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Bomben auf Langelohe 1945 – auf den Tag genau acht Jahre nach den Luftangriffen der deutschen Wehrmacht auf Guernica.

Elmshorn | Vor 70 Jahren mussten die Elmshorner einen letzten grausamen Höhepunkt des von den Nationalsozialisten entfachten Zweiten Weltkriegs erleben: Am 26. April 1945 forderte ein Bombenangriff mindestens 92 Opfer. Es war der traurige Höhepunkt des Luftkrieges im Kreis Pinneberg, eines Bombardements ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung, das genau acht Jahre zuvor im entfernten Spanien seinen Anfang nahm.

Die Bomben der alliierten Flieger fallen erneut am 26. April 1945 auf Elmshorn. Doch der Luftkrieg begann bereits auf den Tag genau acht Jahre zuvor im spanischen Bürgerkrieg: Am 26. April 1937 mit dem Bombardement der deutschen Luftwaffe auf die baskische Stadt Guernica. 586 Frauen, Männer und Kinder werden dort getötet. Ihnen sowie allen weiteren Bombenopfern – ob in Coventry oder Köln, in Warschau oder Dresden – muss am kommenden Sonntag beim Aufstellen des Gedenksteins gemeinsam mit den Toten des 26. Aprils 1945 in Elmshorn gedacht werden.

Jedes einzelne Opfer, wo immer es auch leiden musste, ist Mahnung genug gegen Krieg und Gewalt, gegen Totalitarismus, Faschismus und Extremismus, und jedes einzelne Opfer erinnert daran, sich für Frieden, Freiheit und Menschenwürde, aber auch für Menschlichkeit und Empathie einzusetzen.

Während einer bewegenden und sehr persönlichen Rede im Elmshorner Rathaus hat der bekannte deutsche Schriftsteller, Publizist und Journalist Ralph Giordano (1923-2014) über das Thema gesprochen. Der Verfasser des Romans „Die Bertinis“ sprach am 15. November 2004 im Kollegiumssaal bei der Vorstellung des 17. Bandes in der Reihe der Beiträge zur Elmshorner Geschichte. Er hielt die Laudatio für den Band „Zerstörung – Kriegsende – Neuanfang“ des Elmshorner Fotografenmeisters und späteren Stadtkulturpreisträgers Per Koopmann (1927-2012). Giordanos Ansprache ist danach wörtlich – mit freundlicher Genehmigung des Autors – aktuell in den Elmshorner Nachrichten dokumentiert und 2005 im 18. Band der Beiträge zur Elmshorner Geschichte auf den Seiten 193 bis 200 gedruckt worden. Seine Worte haben in den vergangenen zehn Jahren nichts an Aktualität verloren.

Unter der Überschrift „In mir ist nichts als hilflose Trauer“ sprach Giordano über die Naziherrschaft und den Krieg. Beides hat er als Verfolgter des Regimes unter anderem in Hamburg miterlebt, und auch die Vorgänge in Elmshorn waren ihm bestens vertraut, weil die Stadt an der Krückau, „so etwas wie meine zweite Heimat “ geworden war – Giordano war bis 1984 mit der Elmshornerin Helga Giordano (1913–1984), geborene Krage, verheiratet. Beide waren seit 1948 ein Paar.

In den 1950er-Jahren ist die Friedenstraße neu aufgebaut worden und ist heute eine der ersten Fahrradstraßen der Stadt. (Fotos. C. Petersen)
In den 1950er-Jahren ist die Friedenstraße neu aufgebaut worden und ist heute eine der ersten Fahrradstraßen der Stadt. (Fotos. C. Petersen)
 

„Ja, der Bumerang der Zerstörung und des Todes schlug dann furchtbar zurück auf das Land, von dem er abgeschleudert worden war“, sagte der Schriftsteller und bezog sich auch auf die Bombenangriffe im Kreis Pinneberg sowie in Elmshorn.

Der erste Fliegeralarm ertönte in Elmshorn am 9. September 1939, die ersten Bomben fielen 1940 in der Nähe von Uetersen, wobei ein fünfjähriges Mädchen starb. Das erste Bombenopfer in Elmshorn, Hinrich Diedrich Oeding, ist am 3. Mai 1941 zu beklagen, als eine Luftmine an einem Fallschirm auf Kaltenweide niederging und schwere Verwüstungen anrichtete. Dann die Nacht zum 3. August 1943: Der Bombenangriff auf Elmshorn kostete 30 Männern, 29 Frauen und zwei Kindern das Leben. Er forderte 30 Schwer- und 120 Leichtverletzte. 254 Häuser wurden total zerstört, 220 schwer und 1261 leicht beschädigt und machte 2435 Elmshorner – also jeden elften Einwohner der Stadt – obdachlos. Und letztlich fielen den beiden Angriffen am 26. April 1945 dann noch mehr Zivilisten zum Opfer.

In einem Bericht der Kreisverwaltung Pinneberg aus dem Jahre 1949 wird festgehalten, dass im Kreis Pinneberg während des Zweiten Weltkrieges 306 Zivilpersonen durch Luftangriffe, Tieffliegerangriffe, Flakbeschuss und Sprengungen ums Leben gekommen sind. Bei den insgesamt 25 Luftangriffen auf Ziele im Kreisgebiet gab es die mit Abstand größten Verluste in Elmshorn: Fast die Hälfte der Opfer, 144 Menschen, verlieren nach dem Bericht in Elmshorn ihr Leben.

Bei allem Schrecken dieser Ereignisse und der Trauer um die Opfer, die es auch nach 70 Jahren noch gibt, sollten aber auch die Worte wieder in Erinnerung gerufen werden, die Ralph Giordano im Elmshorner Rathaus seinen Zuhörern ans Herz legte: „Ja, ich habe alle Höllen des Luftkrieges miterlebt. Und dennoch: In dem fürchterlichen Wettlauf zwischen der ‚Endlösung der Judenfrage‘ und dem Sieg der Anti-Hitler-Koalition des Zweiten Weltkrieges waren ‚die da oben‘ immer Teile meiner Befreier, immer Botschafter der Erlösung. Wie oft habe ich nachts, wenn eine der Maschinen in die Kegel der Scheinwerfer geriet, zu ihnen hinaufgefleht: ‚Kommt doch herab und nehmt uns mit, weg von
einem Leben in ständiger Angst...‘ So habe ich damals gefleht.“

Und Giordano fuhr fort: „Dazu kam noch das irrsinnige Paradoxon, dass wir in ständiger Gefahr waren, von unseren potenziellen Befreiern verbrannt oder erschlagen zu werden, unterschieden ihre Bomben beim Abwurf doch nicht zwischen Verfolgern und Verfolgten. Ich kann verstehen, dass Menschen, die nicht in meiner Lage waren, über den Luftkrieg anders dachten und fühlten, ja – das kann ich. Aber die Wahrheit ist, dass der Luftkrieg des 20. Jahrhunderts nicht mit dem Angriff auf Hamburg vom Juli 1943 begann, auch nicht mit dem auf Köln und Lübeck 1942. Er begann im weltbedrohenden Zeichen von Nationalsozialismus und Faschismus mit dem Angriff der deutschen Luftwaffe, der ‚Legion Condor‘, im spanischen Bürgerkrieg auf das baskische Guernica am 26. April 1937... setzte sich mit Warschau 1939, und mit Rotterdam, London, Coventry und Belgrad 1940/41 fort. Erst dann wurde zurückgeschlagen.“

Der Gedenkstein für die Elmshorner Bombenopfer vom 26. April 1945 wird während einer Feierstunde am Kreisverkehr Langelohe offiziell aufgestellt. Sie beginnt am Sonntag, 26. April, um 11 Uhr. Es sprechen Bürgermeister Volker Hatje, Karl Heinz Kuhlemann als Initiator des Projekts sowie drei Zeitzeugen.
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erstellt am 23.Apr.2015 | 16:00 Uhr

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