zur Navigation springen

Serie: Gedenken nach 70 Jahren : Tödliche Bombe auf der Friedhofswiese

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

26. April 1945: Nicht nur auf Langelohe gibt es Opfer. Auch die Bahnlinien haben die Flieger im Visier. Vierjähriger stirbt – das Haus wird völlig zerstört.

Elmshorn | Vor 70 Jahren mussten die Elmshorner einen letzten grausamen Höhepunkt des von den Nationalsozialisten entfachten Zweiten Weltkriegs erleben: Am 26. April 1945 forderte ein Bombenangriff mindestens 92 Menschenleben. Besonders tragisch: Mehr als jedes fünfte Opfer war ein Kind. Eines hieß Herbert Bäcker und war vier Jahre alt. Er starb nicht wie die meisten anderen Opfer des Angriffs auf Langelohe.

Ein Hauptaugenmerk haben die alliierten Flieger beim Angriff am 26. April 1945 auf die der Bahnlinien von Hamburg nach Kiel sowie Westerland und Barmstedt/Kaltenkirchen gelegt. Nicht nur auf der Reichsstraße wie im Stadtteil Langelohe, auch am Bahnhof und auf den Bahnstrecken westlich und östlich von Klaus-Groth- sowie Bockelpromenade, sollen die sich zurückziehenden und dennoch weiter kämpfenden Soldaten der deutschen Wehrmacht gestoppt werden. Die Folge: Ein wahrer Bombenhagel geht entlang den Schienensträngen herunter, auch die angrenzenden Wohnhäuser und der nahegelegene Friedhof werden getroffen.

Was nur noch alte Elmshorner wissen: Auf dem nördlichen, heutigen Friedhofsgelände stand ein großes Wohnhaus, in dem Friedhofsmitarbeiter mit ihren Familien lebten. Das Gebäude mit der Anschrift Friedensallee 200 wurde im April 1945 völlig zerstört und nicht wieder aufgebaut.

Ruth Brillat, geb. Bäcker, überlebt dort den Angriff als Elfjährige, obwohl sie durch Bombensplitter an der Schulter erheblich verletzt wird. Ihr vierjähriger Bruder Herbert schafft es nicht. Er stirbt nach kurzer Zeit an seinen Kopfverletzungen, obwohl die Mutter und ihr ältester Sohn den Kleinen noch im Bombenhagel zum Krankenhaus tragen.

 

Auf dem Friedhof, eben in diesem Haus, stirbt an jenem Tag auch Ernst König, der dort mit seiner alten Mutter untergebracht war, seitdem sie in Harburg ausgebombt worden waren. Und neben den Bäckers wird auch die siebenköpfige Familie Westphal obdachlos. Mutter Bäcker und ihre beiden verbliebenen Kinder kommen vorerst bei einem Onkel in Raa-Besenbek unter. Er hilft später auch, aus dem Restholz der Ruine eine Baracke zu bauen, in der die Bäckers dann noch bis 1949 hausen.

26. April 1945: Nicht nur auf Langelohe gibt es Opfer / Auch die Bahnlinien haben die Flieger im Visier. Vierjähriger stirbt – das Haus wird völlig zerstört. (Foto: Privat)
26. April 1945: Nicht nur auf Langelohe gibt es Opfer / Auch die Bahnlinien haben die Flieger im Visier. Vierjähriger stirbt – das Haus wird völlig zerstört. (Foto: Privat)
 

Nach einem Spaziergang schreibt übrigens der Elmshorner Lehrer und Tagebuchschreiber Heinrich Hinz am 2. Mai 1945: „Auf der großen Wiese hinter dem Friedhof waren 23 große und kleinere Bombentrichter vom letzten Angriff. Wehe, wenn diese Bomben im Stadtkern gefallen wären! Dann wäre von Elmshorn wohl nicht mehr viel übrig geblieben.“

Das noch nie zuvor veröffentlichte Foto von dem Haus auf der Friedhofswiese ist übrigens erst seit kurzen wieder in Elmshorn. Friedhofsgärtner Daniel Westeroth hatte bis vor dem Angriff noch mit seiner Familie in dem Haus gelebt, hatte das Foto in seinem Besitz – es verbrannte nicht. Zwar wanderten die Westeroths 1952 nach Kanada aus, doch die Tochter des späteren Landschaftsgärtnermeisters schickte ihrer ehemaligen Nachbarin Ruth Brillat eine Kopie als Erinnerung.

Durch Bomben getroffen wurden an jenem Tag auch das Krankenhaus an der Amandastraße oder auch das Wohnhaus Mühlenstraße 41. Hier überlebte – wie Bernd Mohr auf Langelohe – Gerrit Brammann den Angriff als Baby: Obwohl das Haus in Flammen stand, rettete ein französischer Kriegsgefangener den Jungen. Der Offizier, der „sein Baby“ in den 1970er- Jahren noch einmal hier besuchte, hatte sich nasse Jutesäcke umgeworfen und Brammann aus der Wohnung im zweiten Stockwerk geholt. Einen der zwei Bombensplitter in Brammanns Körper entdeckten Mediziner erst 60 Jahre nach dem Angriff 1945.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 28.Apr.2015 | 16:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen