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Elmshorner Nachrichten

17. August 2017 | 16:31 Uhr

Tinderliebe wegen Tüddelkram entfreundet

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Sprache Der Duden möchte sich mit seiner neuen 27. Auflage modernisieren/ 5000 neue Wörter finden Einzug in das Nachschlagewerk

Viele Menschen, „tindern“, „couchsurfen“, sind auf „Roadtrip“ und leben nach „Hygge“. Das Ganze wird dann mit einem „Selfie“ durch „Filterblase“ und „Emojis“ „gefacebookt“, das Endergebnis unter dem Hashtag „Work-Life-Balance“ veröffentlicht. Sie denken es handelt sich hier um „Fake News“ der „Lügenpresse“? Keineswegs, all diese Wörter gehören zu den 5000 neuen Begriffen, die der Duden in seiner neuen 27. Auflage aufnahm, die am vergangenen Mittwoch deutschlandweit erschien.

Auch wenn der Duden in erster Linie die letzte Instanz in Rechtschreibung, und keine Enzyklopädie ist, wird die Debatte um die neuen Begriffe heftig geführt. Vor allem die vielen Anglizismen und der Jugendsprache entlehnten Wörter sorgen gerade bei älteren Menschen für Kopfschütteln. Auf Nachfrage in der Elmshorner Innenstadt äußert sich gerade die ältere Generation skeptisch. Die vielen Anglizismen seien keine Sprache, die die Mehrheit ansprechen würde, sondern nur eine bestimmte Gruppe von Menschen – viel mehr eine Sprache des Marketings.

Mit „diesen Menschen“ seien wohl vor allem Jugendliche und junge Erwachsene gemeint. Und die zeigen sich durchaus wohlwollend gegenüber der neuen Dudenauflage. So auch Laura Zerau und Jaane Ohlendorf (beide 16): „Die Begriffe nutzt doch eigentlich jeder, warum sollten diese dann also nicht auch im Duden stehen?“ versichern sie auf Nachfrage. Und auch Phil Niklas Tabbert sieht durchaus Sinn in der Aufnahme der „modernen“ Begriffe: „Das ist einfach zeitgemäß.“ Besonders gut scheinen dabei die „neuen“ politischen Begriffe anzukommen. Und das sogar bei Alt und Jung.

Tabbert sieht im Gebrauch des Dudens im Schulalltag eine Möglichkeit, gerade für Jugendliche das Interesse für politische Themen zu entfachen. Und auch die ältere Generation stimmt dem zu: „Die Leute sprechen darüber, die Wörter werden von den Medien aufgegriffen und mit Fortschreiten der Zeit verändern sich natürlich auch politische Begriffe.“

Doch scheinbar wird bei der Debatte um die neuen Begriffe die linguistische Komponente vergessen, handelt es sich beim Duden doch immer noch um ein Nachschlagewerk der deutschen Rechtschreibung. Für die aus Estland stammende Germanistin Liilika M. Allev ist dies eine spannende Frage. Gerade in orthografischer Hinsicht sieht sie vor allem die neuen politischen Begriffe als eher fragwürdig an: „Das Wort Wutbürgerin ist letztendlich nichts anderes als ein Compositum zweier Wörter, die sich getrennt voneinander bereits im Duden finden lassen. Mit dem Fokus auf Orthografie macht es mehr Sinn, Wörter wie Selfie und tindern aufzunehmen.“

Gerade als „ausländische Germanistin“ findet sie die Debatte um die neuen Begriffe sehr spannend, denn in Estland sei der Umgang mit Anglizismen weitaus schwieriger. Kommissionen und Wettbewerbe sorgen dafür, dass die Sprache nicht „verschmutzt“ werde - so lautet das estnische Wort für Selfie übrigens „Selbstlink“. Sie befürworte aber in jedem Fall die neuen Begriffe, denn Sprache als lebendiges, sich permanent veränderndes Gebilde, sei eben auch ein Spiegelbild der Gesellschaft.

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