Kolumne : Tiedemanns Elbansichten: Wer nicht hören will, muss das Fenster zu machen!

Kollmaraner und Kolumnist: Arne Tiedemann.

Kollmaraner und Kolumnist: Arne Tiedemann.

Unser Kolumnist Arne Tiedemann ist eigentlich Bibliothekar und schreibt hier jede Woche über Heimatliebe, Spleens und Alltagsphilosophien.

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01. August 2018, 14:00 Uhr

Elmshorn | Wer nachts mit offenem Fenster schläft, weil ihn die bullige Hitze anders nicht pennen lässt, verschafft sich so zwar etwas Linderung im stickigen Schlafzimmer, hat dafür aber auch ungewollt mit einer Vielzahl auditiver Eindrücke zu kämpfen.

Ich zum Beispiel, und damit zur Abwechslung mal etwas in eigener Sache, beschlafe ein Ruhegemach direkt unterm aufgeheizten Ziegeldach und könnte derzeit allabendlich problemlos eine Ü-30-Party im Hochofen steigen lassen. Tu ich aber nicht.

Ermattet liege ich nämlich auf der Matratze und warte auf den wohl verdienten Schlaf, der mich immer viel zu spät überkommen will. Immerhin kommt mit einbrechender Dunkelheit auch ab und zu mal ein zarter Hauch von geringer Luftbewegung (Wind kann man das schließlich nicht nennen) in den Raum gewabert, aber man hört auch, ungewollt, was unten auf der Straße los ist.

So dreht eine Frau zu verlässlich immer gleichen Uhrzeiten eine von vielen Verdauungsrunden mit dem defäkierwilligen und scheinbar auch fußlahmen Köter, der auf den Namen Benny hört (oder auch nicht), an meinem Fenster vorbei. Ihr ständig Genöltes: „Benny, komm! Benny, komm nun! Benny! Bää-nieee!“ raubt einem in dem eh schon empfindlichen Gemütszustand verlässlich den letzten Nerv. Übertönt wird das nutzlose Rufen nach dem kleinen Scheißer lediglich durch ein auspufftotes Mofa, das im hörbar roten Drehzahlbereich und so laut wie ein Kampfflugzeug gefühlt mehrere Minuten braucht, um am Haus vorbeizufahren und allabendlich auch dem jungen Mann in seinem BMW (520d, mattschwarz, Alufelgen aus Stahl, Ochsenledersitze, Fortpflanzungsverstärker serienmäßig), dessen ballermanntaugliche Stereoanlage vernehmlich noch mehr PS hat als der Wagen. Unter den gesteigert aggressiven „Klängen“ eines rudimentär Deutsch stammelnden Müll-Rappers sucht er einen Parkplatz für seinen Wagen und sein Ego. Und das kann dauern.

Und wenn man dann denkt, dass nach Mitternacht vielleicht endlich mal Ruhe in der Gosse einkehrt, dann latscht ein mitteilsamer Fernsprecher vermeintlich mit dem Handtelefon am Ohr durch die Dunkelheit – „Digger, was geht, warum rufst Du nicht zurück, Junge!“ Ja, warum nur? Bei der Lautstärke des Telefonats könnte man fast denken, dass das Telefon vollkommen überflüssig ist und der Angerufene ihn auch so hören kann, selbst bei geschlossenem Fenster.

Und wenn die Nacht dann am tiefsten ist und es wirklich still da draußen geworden ist für den Moment, dann hört man es wieder verlässlich quäken: „Benny, komm nun!“

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