Kolumne : Tiedemanns Elbansichten: „Wenn Männer hörbar ins Nichts starren“

Kollmaraner und Kolumnist: Arne Tiedemann.

Kollmaraner und Kolumnist: Arne Tiedemann.

Unser Kolumnist Arne Tiedemann ist eigentlich Bibliothekar und schreibt hier jede Woche über Heimatliebe, Spleens und Alltagsphilosophien.

shz.de von
18. Juli 2018, 16:00 Uhr

In der frühmorgendlichen Eisenbahn. Ein Paar im Mittelalter steht sich unmittelbar dicht gegenüber und schaukelt fahrzeugbedingt leicht hin und her. Er hält sich mit einer Hand an einem Griff fest, die andere hat er tief in seiner Hosentasche vergraben. Sie, etwa einen drei viertel Kopf kleiner als er, sucht Halt an ihm. Sie schweigen.

Sie beginnt ihn von unten aus kritisch zu mustern und Millimeter für Millimeter abzuscannen. Er starrt genau an ihr vorbei ins Nichts. Diese Indizien reichen für mich vollkommen aus, um zu erkennen, dass die beiden sich in einer langen, vertrauten Partnerschaft miteinander befinden. Wenn es noch einen weiteren Beweis dafür braucht, dass die beiden sich seit Jahren kennen oder sogar verheiratet sind, dann folgt der nur Momente später.

Sie zippelt und pinzettet

Sie beginnt seinen nach innen eingeklappten Jackenkragen zu richten und streicht den Stoff ansatzweise glatt. Er lässt die Prozedur, die sie ausgiebiger als nötig zelebriert, stoisch über sich ergehen. Dann zippelt sie weiter an ihm herum und pinzettet akribisch mit spitzen Fingernägeln kleinste und selbst unsichtbare Flusen, Fädchen und sieben unterschiedliche Arten Staub von seiner Schulter und Brust. Er starrt immer noch an ihr vorbei ins Nichts. Man kann es fast hören, wie er so starrt.

Vorerst zufrieden

Sie wischt noch ein paar Mal hörbar mit der flachen Hand über den Jackenstoff und begutachtet ihr Werk. Sie scheint für den Moment zufrieden und ihr Blick wandert nun langsam höher. Nun ist sein Gesicht dran. Sie streicht ihm zwei-, dreimal über die Wange und scheint eine Hautirritation festzustellen, die mit bloßem Auge nicht, nicht einmal mit dem Mikroskop zu sehen ist. „Was hast Du da?“, fragt sie ihn laut. Seine Antwort ist genauso logisch wie vorhersehbar. „Nichts!“, zischt er und versucht das Wort besonders auf den beiden letzten Buchstaben zu betonen. Sie lässt jedoch nicht locker. „Aber da ist doch was, ich merk das doch. Hier!“ Mit dem Fingernagel bearbeitet sie eine Stelle seiner Wange. „Nun hör auf damit!“. Er zieht den Kopf weg. „Was hast Du denn?“ Mit „Ich mag das nicht haben…“ versucht er die nun komplett öffentliche Situation ein für alle Mal zu beenden.

Anscheinend muss sie nicht nur das letzte Wort haben: „Das stimmt doch gar nicht. Du magst das nicht, wenn man Dir in die Nase kneift.“ Und das tut sie dann auch. Er guckt, als würde er gleich platzen. „Hast Du schlechte Laune, oder was?“ fragt sie ihn ehrlich verblüfft. Und er darauf: „Ja, seit jetzt!“ und starrt noch genauer an ihr vorbei ins Nichts. Sie schweigen.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen