Kolumne : Tiedemanns Elbansichten: Wenn die Mücke keinen Mucks mehr macht

Kollmaraner und Kolumnist: Arne Tiedemann.

Kollmaraner und Kolumnist: Arne Tiedemann.

Unser Kolumnist Arne Tiedemann ist eigentlich Bibliothekar und schreibt hier jede Woche über Heimatliebe, Spleens und Alltagsphilosophien.

shz.de von
29. August 2018, 19:30 Uhr

Es summt und brummt und schwirrt und flirrt nicht mehr. Amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass es immer weniger Insekten gibt. Nicht nur global, sondern sogar weltweit. Als mögliche Ursachen genannt werden der Klimawandel, Monokulturen in der Landwirtschaft und die geringe Anzahl von Hecken und Randstreifen auf Feldern. Dazu kommt noch die große Zahl der naturfreien und komplett sterilen Vorgärten, die von keimfreien Glyphosatbotanikern und schnittwütigen Freizeitchirurgen komplett tier- und nahezu pflanzenfrei gehalten werden. Das Insektensterben ist jedoch kein aktuelles Phänomen, sondern hat bereits vor Jahrzehnten schon begonnen und war damals noch praktisch. 

Ein Stück Verantwortung

Auch ich trage ein Stück der Verantwortung dafür mit, denn rein an der Anzahl der flugfähigen Fliegen, Bienen, Schnaken, Schmetterlinge und anderem niederen Getier gemessen, die wöchentlich zwischen Anfang März und Mitte Oktober den jähen, aber verlässlichen Tod auf der Windschutzscheibe und am Kühlergrill meines Escorts fanden, habe ich Tonnen von Kerbtieren auf dem Gewissen, deren eklige und klebrige Überreste stets aufwendig mit einem leicht entflammbaren Gemisch aus Brennspiritus, Nitroverdünner, Meister Proper, Ata und River Cola entfernt werden mussten.

Heutzutage ist das Insektensterben ins allgemeine Bewusstsein gerückt und ganze Kommunen und einzelne Gartenbesitzer unternehmen bereits große Anstrengungen, um die Populationen der „guten“ Insekten, also vielen Käfern, allen Schmetterlingen und vor allem der Honigbiene, die spätestens seit der rührigen, aber leicht bräsigen Zeichentrickserie „Die Biene Maja“, die in einem unbekannten Land und vor gar nicht allzu langer Zeit spielte, zu den unbestritten Guten gehört, zu schützen.

Wer aber zu den „bösen“ Gattungen gehört, hat keinen Spaß auf Erden und tritt seinem Schöpfer eher entgegen, als die Natur es im Grunde geplant hat. Kaum kommt nämlich eine lediglich von ihren simplen Trieben gesteuerte Wespe auch nur in die Nähe unseres Pflaumenkuchens, den wir opulent auf dem Terrassentisch der Weltöffentlichkeit präsentieren, kommt das Tier in uns zum Vorschein, und wir geben nicht eher Ruhe, bis das kleine Arschloch entweder badelatschenplatt oder in mindestens zwei Teile gefetzt erledigt auf den Waschbetonplatten liegt.

Und wehe, es verirrt sich eine der letzten Mücken der Welt in unser heiliges Schlafzimmer. Dann geht das Töten weiter, bis das hochfrequente Summen endgültig verstummt ist. 

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