Kolumne : Tiedemanns Elbansichten: Ich bin nicht alt, ich bin voll!

Kollmaraner und Kolumnist: Arne Tiedemann.

Kollmaraner und Kolumnist: Arne Tiedemann.

Unser Kolumnist Arne Tiedemann ist eigentlich Bibliothekar und schreibt hier jede Woche über Heimatliebe, Spleens und Alltagsphilosophien.

shz.de von
22. August 2018, 14:00 Uhr

Es muss ja nun nicht ständig um die anderen gehen. Zur Abwechslung deswegen auch mal etwas in eigener Sache, denn ich denke, es ist wohl nun so weit. Weitaus früher als gedacht und vor allem als befürchtet, aber nun ist bei mir im Kopf ganz offenbar kein Platz mehr für neue Informationen. Ich bin nicht alt, ich bin voll!

Nun könnte man hoffnungsvoll annehmen, dass man, ähnlich wie bei der Festplatte vom Computer einfach ein bisschen von dem alten Zeugs, das man nicht mehr braucht, einfach löscht und somit schönen, freien Speicherraum für Neues schafft, doch leider nein. So funktioniert es nicht. Zumindest noch nicht.

Randvoll mit unnützem Wissen

Mein Kopf ist zwar randvoll mit unnützem Wissen, doch für die aktuell wichtigen Fakten ist kein Platz. Ich kann zum Beispiel alle meine Lehrer in allen Fächern von der Grundschule an bis zum bitteren Ende chronologisch geordnet aufsagen und das waren bei 14 Jahren Schule nicht gerade wenige. Doch wenn ich nach einem Telefonat mit der Versicherung aufgelegt habe, dann hab ich den Namen der Frau schon wieder vergessen, mit der ich eben noch gesprochen hatte. Wenn ich bei der Arbeit etwas Arschlangweiliges zum Thema Katalogisierung von unselbstständigen Körperschaften und untergeordneten Kongressen (und das ist noch nicht mal das Ödeste) lese und es versuche mir zu merken, dann hab ich am Ende des Absatzes schon wieder vergessen, wie es vorne eigentlich anfing. Aber die Songtexte von Nena aus den Achtzigern, die kann ich komplett auswendig mitsingen, obwohl ich Nena gar nicht mag. „Den Kopf voller Dinge, die man zu schnell vergisst. Wo fang ich an, wenn‘s so weit ist?“

Dabei haben die Regeln zur Katalogisierung und die Texte von Nena in etwa die gleiche Poesie und Aussagekraft, es wird wohl an der Melodie liegen. Und bei der monatlichen Kartenspielrunde erzählen wir uns detailgetreu und mit pedantischer Präzision unsere selbst erlebten Geschichten aus vergangenen Jahrzehnten und haben dabei über die Zeit nicht die kleinste Einzelheit vergessen. Doch wenn es darum geht zu ermitteln, wer die letzte Runde ausgeteilt hat, dann guckt man in lange und vor allem ahnungslose Gesichter. Zumindest ist es ein Trost, dass mit mir noch ein paar andere Tai-Ginseng-Kandidaten am Tisch hocken, die später am Abend ebenfalls versuchen den richtigen Weg nach Hause zu finden.

Es hilft alles nichts, ich brauche dringend Platz für Aktuelles und muss in meinem Kopf nun dringend Platz schaffen. Am besten fange ich gleich bei Nena an, das ist wahrlich kein Verlust.

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