Kolumne : Tiedemanns Elbansichten: „Heute leider kein Foto für mich“

Kollmaraner und Kolumnist: Arne Tiedemann.

Kollmaraner und Kolumnist: Arne Tiedemann.

Unser Kolumnist Arne Tiedemann ist eigentlich Bibliothekar und schreibt hier jede Woche über Heimatliebe, Spleens und Alltagsphilosophien.

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20. Juni 2018, 13:30 Uhr

Früher, da musste man mit der Agfamatic 4000 (ritsch ratsch) oder der Minolta Pocket erst den ganzen Film mit seinen 24 oder 36 Bildern vollknipsen, sich dann beim Bergen der Filmkassette aus dem Apparat die Fingernägel abbrechen und schließlich das Ding bei Schlecker oder Kloppenburg eintüten und nach etwa drei Wochen (wenn es schnell ging) konnte man die entwickelten Bilder wieder abholen.

Das heißt, dass man seine Schnappschüsse aus dem Sommer gegebenenfalls erst kurz vor den Herbstferien angucken konnte. Erklären Sie das mal Ihren Kindern und Kindeskindern, die halten Sie für verrückt!

Wer hat schon noch einen Fotoapparat?

Heutzutage macht man so etwas nicht mehr, man hat ja meistens nicht einmal mehr einen Fotoapparat. Wenn man tatsächlich heute und einmal im Jahr noch ein Foto auf Papier braucht, dann geht man mit seinem Smartphone oder USB-Stick (erklären Sie das mal Ihren Eltern oder Großeltern) in die Drogerie und druckt es einfach schnell an einer „Sofort-Bild Station“ aus.

Genau das hatte ich auch vor. Ich also flott in den nächsten Seife- und Putzmittelladen, wo zwischen Bilderrahmen und Einweggeschirr ein paar von diesen Maschinen zum Fotos-gleich-Mitnehmen stehen. Als ich forschen Schrittes um die Ecke bog, versperrte mir eine Wagenburg aus Kinderkarren und Buggys den Weg. Dahinter belagerte eine aufgeregte Rotte von fünf Müttern alle vier Apparate und es machte den offensichtlichen Anschein, als würden die auf Kriegsfuß mit der vorhandenen Technik stehen.

Augenscheinliche Langsamkeit

Durch die in Reihe geschalteten Leiber konnte ich erkennen, dass sie alle ihre Telefone angeschlossen hatten und sich abwechselnd lautstark über die augenscheinliche Langsamkeit und Unfunktion der Geräte aufregten, während ihre Frischlinge unbehelligt drollig die Waren in den Regalen neu ordneten.

Eine unvermutet plötzliche Millisekunde des gleichzeitigen Schweigens der Horde nutze ich zu einem aufmerksam machenden Räuspern. Alle drehten sich um und musterten mich, die vermeintliche Leitbache ahnte wohl meine Frage, die ich gar nicht gestellt hatte, und grunzte „Das dauert hier noch!“ Dann wurde weiter ohne Sinn und Verstand auf den Bildschirmen aller verfügbaren Geräte herumgedrückt, um denen irgendeine Reaktion abzutrotzen. Vergeblich. Ich guckte mir das Spektakel noch einige Minuten an und verließ dann das Geschäft.

Ich wusste, dass ich zu Hause noch irgendwo einen Fotoapparat mit einem nicht vollen Film hatte. Das erschien mir in dem Moment als die schnellere Lösung, um an das gewünschte Foto zu kommen.

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