Kolumne : Tiedemanns Elbansichten: Es klappert die Mühle am rauschenden Bach

Kollmaraner und Kolumnist: Arne Tiedemann.

Kollmaraner und Kolumnist: Arne Tiedemann.

Unser Kolumnist Arne Tiedemann ist eigentlich Bibliothekar und schreibt hier jede Woche über Heimatliebe, Spleens und Alltagsphilosophien.

shz.de von
27. Juni 2018, 14:00 Uhr

Zur Abwechslung mal was in eigener Sache. Ich hatte nach Feierabend einen Termin beim Doktor, und weil die Bahn ausnahmsweise mal pünktlich war, hatte ich vorher noch etwas Zeit, womit ich eigentlich gar nicht gerechnet hatte. Also räumte ich noch die Spülmaschine aus, saugte überall kurz durch und ging noch mal für kleine Bibliothekare. Etwas später dann und überpünktlich in der Praxis sagte ich brav meinen Namen und wollte mich schon dem Lesezirkel im Wartezimmer widmen, da winkte mir die freundliche Frau hinter der Anmeldung mit einem Plastikbecher zu, auf den sie im Moment vorher meinen Namen geschrieben hatte. Ich hatte eigentlich keinen Durst, doch zu einem kleinen Kaffee hätte ich sicherlich nicht nein gesagt. Ich war begeistert von dem Service, der nun scheinbar auch für Kassenpatienten Einzug in das Gesundheitswesen gehalten hat.   

Doch anstatt mich nach Milch und/oder Zucker zu fragen, sagte sie, dass ich nun eine Urinprobe abzugeben hätte. Ich nahm ratlos den Becher und erklärte ihr mein Dilemma, dass das schwierig sein könnte, da momentan ein logistisches Problem vorliegen würde. Sie erklärte, dass der Becher gar nicht voll (der Eichstrich war bei 0,2 l) sein müsste, sondern es schon reichen würde, wenn der Boden flüssig bedeckt sein würde. Also dann.

Anders als bei der Musterung

Die Aufgabe war kompliziert genug, wurde aber dadurch zumindest etwas erleichtert, dass ich ins WC der Praxis gehen durfte und nicht, wie bei der Musterung im April 1992 im Kreiswehrersatzamt Itzehoe, unter Aufsicht einen Becher befüllen musste. Im Unterschied zu damals, als ich zum großen Erstaunen des Arztes nach einigen Startschwierigkeiten den Becher überrandvoll füllen konnte und sich die Flüssigkeit dank der Oberflächenspannung über das Gefäß hinaus ausdehnte, kam nun gar nichts. Nicht mal ein bisschen.

Ich versuchte es mit Konzentration auf das Wesentliche, aber der starke Wille beherrscht den Körper nun mal nicht in jeder Situation. Gewalt ist in solchen Momenten auch keine Lösung, also musste es mit simpler Psychologie gehen. Männer sind, was das angeht, ja ziemlich einfach konzipiert.

Ich kramte in der Erinnerung nach Liedern (schließlich geht mit Musik alles besser), die thematisch bezogen die Dämme zum Brechen bringen sollten. Bei „Am Tag als der Regen kam“ war noch nichts, aber als ich dann aus voller Kehle „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“ intonierte, da rauschte es auf einmal im Becher. Klipp, klapp, klipp, klapp, klipp, klapp!

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